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Htfi 6. JUttstvivte FlrnriUeir-Dvitnnzz. Zl'hrs. I8W.




kine Tochter des Südens.
Nach einem Gemälde von I. Liech (S. 143)

Ueberall ein fast betäubender Blumenduft. Sie floh
zuletzt vor dem ihr aufgcdrnngencn Unbehagen in ihres
Gatten Arbeitszimmer. Der Raum war ihr fast fremd
geblieben. Was hätte sie auch darin zu suchen gehabt!
Eine Schublade des Schreibtisches stand etwas ge-
öffnet. Die junge Frau blickte flüchtig hinein. Em
Dolchmesser lag darin. Sie nahm cs heraus, weil sic
den Griff bestäubt fand. Jedoch während sic an dem-
selben mit ihrem Taschentuch zu reiben begann, be-
merkte sie an dem oberen Ende des blanken Stahles
kleine röthlichc Flecken, die wie Rost aussahen.
Plötzlich schrie sie laut auf und ließ Dolch und
Tuch zur Erde fallen. Die Flecken hatten roth ab-
gefärbt, nicht wie Rost, wie -- Blut.

Am Abend erstrahlte die Billa im lüer-
zenglanz. Heute zum ersten Male zeigte
sich Earisius, der einst „von den Zinsen
feiner Schulden gelebt", als Millionär.
Ter blaßrvsa ausgestattete Empfangs-
salon vor dem Gemach, in welchem getanzt
werden sollte, spiegelte in seinem Pargnet
das funkelnde .Kerzenlicht der .lirystall-
kronleuchter wider. Bon den Wänden, an
den Fenstern wallte der matt rieselnde
Seidenstoff in verschwenderischer Fülle
nieder; nur die goldgestickten Ranken darin
blitzten wie Brillanten. Willkürlich Ver-

Die goldene Gans.
Roman
Georg Kartwig.
(Fortsetzung.)
- (Nachdruck verboten.)
Zehntes Laxitcl.
ariens einundzwanzigster Geburtstag
war herangekommen.
Schon am frühen Morgen ward
sie durch ein Ständchen
ans dem Schlafe ge-
weckt. Sie zitterte zwar
an allen Gliedern bei
dem Plötzlichen Schmettern der Trompeten
unter ihrem Fenster, aber das bedauernde
Mitgefühl ihres Gatten ließ sie kein Wort
darüber verlieren.
Er führte sie zärtlich an den reich ge-
schmückten Tisch, auf welchem der Gaben
so viele lagen, daß die junge Frau müde
ward, dieselben zu bewundern.
Sie lehnte sich dankbar an Valer's
Brnst. Auch jetzt ward cs ihr schwer, ihn
einen Blick in ihre tiefbewegte Seele thnn
zu lassen.
„Habe mich immer so lieb," flüsterte
sie, einen bittenden Blick ans fein Antlitz
heftend, obwohl ihr diese Liebe kein in-
neres Glück gewährte.
Er nickte. „Heute bist Du großjährig ge-
worden. Da ist ein dickleibiger Brief Deines
bisherigen Vormundes. Von nun an bist
Du allein die Herrin Deines Vermögens —
ich Dein dienstwilliger Verwalter."
„Sprich nicht so," sagte sie beschämt.
„Bin ich die Herrin, bist Du der Herr."
Auch nicht die geringste Anwandlung
von Schamgefühl über seine frevelhafte
Gesinnung regte sich in ihm bei diesen
rührenden, vertrauensvollen Worten. Er
spielte weiter mit seiner ahnungslosen
Frau, wie die Schlange mit ihrem Opfer,
froh, daß der Zeitpunkt zur ungestörten
Entfaltung seiner Pläne und Begierden
nunmehr herbeigekommen war.
Nolph sandte Marie nur einen Blumen-
strauß mit innigen warmen Worten. Sie
drückte ihr liebliches Antlitz in die duf-
tenden Kelche und trug sie sorgfältig in
das blaue Gemach, wo er jüngst vor ihr
gestanden hatte.
Baler hatte sie gegen Mittag, als keine
Gratulationsbesuche mehr zu erwarten
waren, verlassen unter dem Vorwande,
noch einige Vorbereitungen für das am
>^end bei ihnen stattfindende Fest treffen
zu müssen. Marie wanderte, von innerer
Unruhe getrieben, durch ihre Gemächer.

War diese Waffe benutzt worden, so war ein Ver-
brechen, vielleicht ein Mord damit geschehen, lind wer
hatte esvvllsührt? Der Besitzer der Waffe, ihr Gatte?
Es rann ihr wieder so eisig durch alle Glieder,
wie damals in ihrem Elternhanse, als sie Valer's Ge-
sicht, nach jenem schrecklichen Traum erwachend, plötzlich
dicht vor sich gesehen.
Sie hatte ihren Gatten nie von seiner Vergangen-
heit sprechen hören, ihn auch nie darnach gefragt. Sie
hatte nur gehofft und geglaubt.
Wenn Mcnschenblut an den Händen Dessen klebte,
der sie so oft zärtlich umfangen! Aber nein, wie sic
doch aufgeregt war! — Konnte cs nicht das Blnt irgend
eines Thieres sein?
Marie nahm beschämt das Dolchmesser
vom Boden auf und legte es ans seinen
Platz zurück. Aber ihre Finger zitterten.
Sie fürchtete sich, Vater in's Ange
zu sehen.
Bei der raschen Bewegung, mit welcher
sie die Hände znrückzog, blieb das Spitzen-
gewebe ihres Aermcls an dem Knopf der
unteren Schublade hängen und riß die-
selbe heraus. Ein darin befindlicher Karton
stürzte mit seinem Schloß so heftig auf die
Tischplatte, daß dasselbe anssprang, und
ein funkelndes Brillantkrenz sichtbar ward.
Die junge Fran in dem Wahn, cs sei
dies noch ein heimliches Geschenk für sie,
betrachtete cs mit wchmüthigcr Rührung,
drückte dann den Karton vorsichtig wieder
zu und stellte ihn an seine alte Stelle.
Der Boden brannte ihr unter den
Füßen, sic eilte aus dem Gemach und zog
die Thür fest hinter sich zu.
Ihr Gatte kam sehr angeregt und spät
zum Mittageffen. Sein Antlitz war stark
geröthet, und seine Angen hatten einen
flackernden Glanz. Als er Mariens Stirn
küßte, empfand sie den heißen Hauch seines
Athems mit fröstelndem Unbehagen. Sic
verglich unwillkürlich das ernste Antlitz
Valer's, als er damals als rettender
Engel ihr seinen Schirm und Schutz an-
bot, mit dem augenblicklichen Ausdruck
seiner Züge; und sic hatte ein ahnendes
Gefühl, als sei ihr Gemahl doppelgesichtig.
Sie zog bebend ihre Hand aus der seinen.
Er lächelte mitleidig und ließ sie los.
 
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