Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 27.1892

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host 14 JUustrirte Familien-Deitung. Älihrg. ML




„Aber, Heinz, sie stünde sich mit Dir wahrhaftig
besser; Du wunderst Dich Wahl über meine Selbst-
crkenntniß?"
„Durchaus nicht, ich freue mich darüber und gebe
zu, daß ich vor einem halben Jahre Dir eher hindernd
in den Weg getreten sein würde, um — um — des
Mädchens willen. Jetzt liegt die Sache aber anders,
lieber Junge, Tu hast meinem Bitten und Deiner
eigenen Cunsicht, nachgegebeu. Deine Bergangenheit liegt
hinter Dir, ein neues, anderes und schönes Leben vor
Dir, und Du hasst das Zeug dazu, ein Weib glücklich
zu machen,"
„Heinz, lieber Alter, die ganze Welt sagt, Du
überschätztest mich. Du verkennst mich, mein Junge,
Ich kann Dir sagen, ich habe gar keine
besondere Lust, als ein tngendsam-
philiströser Eheherr und Mustergemahl
der staunenden Mitwelt als leuchten-
des Beispiel zu dienen,"
„Weil Du verwildert bist, Bodo,
ein Mensch, der erst wieder lernen muß,
welch' köstlich Ding es ist um ein schö-
nes, edles Weib! Ich mag Dich nicht
so reden hören!"
„Heinz! Alter! Wenn Du denn so
gut weißt, welch' ,köstlich Ding' es ist,
so nimm doch das edle, kleine Herz-
chen selbst in Beschlag!"
„Ich habe kein Talent zum Glück
und möchte das Mädchen, dem wir so
rücksichtslos nehmen, was cs als sein
Eigeusthum anzuseheu gewöhnt war,
glücklich wissen!"
„Und Du meinst, ich sei dazu der
rechte Alaun?"
„Bodo, Du bist mein einziger Bru-
der, das einzige Wesen, das mir ange-
hört ! Ich möchte Dich glücklich machen,
und Ivie könnte ich das besser erreichen,
als wenn ich Dir rathe, um das holde
Geschöpf zu werben? In Dir liegt
Alles, was einem Weibe gefällt. Sic
sind Dir von jeher nachgelanfcn - sie
lieben Dich — die Schlimmen und
die Guten,"
„Weit ich ein leichtsinniger Strick bin,
Heinz! Das wirkt auf die Weiber, wie
Speck auf die Mäuse! —Aber genug! Sieh
nur nicht so ärgerlich drein ! Mir ist's ja
recht, wenn Du es willst! Und cs ist ja
auch möglich, daß ich ein Mustermensch
bin, wclchersich nur selbstvcrkcunt, — ein
seltener Bogel! Also, wie gesagt, verfüge
über mich; ich lasse mich mit gebundenen
Händen glücklich machen, lind wenn es
der Kleinen gelingt, die von Dir bereits
vorausgesetzten Tugenden in mir zu
entwickeln — um so besser!"
Fünftes Kapitel.
Die Eisbahn lockte Hunderte von
Menschen hinaus; auf der weiten Fläche
überschwemmter Wiesen entfaltete sich


auszusprecheu, daß Du Dir jetzt selbst nur eiurcdcst,
Tu hättest mit Deinen dreißig Jahren mit der Liebe
abgeschlossen. Ja, einredest; ich kann keinen anderen
Ausdruck wühlen und hoffe, Du denkst 'mal selbst ernst-
lich über die Berechtigung desselben nach,"
„Und wenn ich Deinen ungewohnt weisen Reden
zustimmtc, so fragte sich denn doch noch, oder vielmehr,
es fragt sich gar nicht, ob sie mich will, sic hat ihrer Abnei-
gung in der ungezwungensten Weise Ausdruck gegeben,"
„Ach, Unsinn! Das ist im Gcgentheil ein günstiges
Zeichen bei den Weibern!"
„Nun, laß die Possen! Ich denke nicht daran und
bin auch nicht der Mann, ein Mädchenherz zu um-
werben,"

Des Winters Noth, Ongmalzcichiumg von A, Greiner, P

Dor Fuchs von lhossolrodo.
Roman
Kaidüeim.
(Fortsetzung,)
_ (Nachdruck verboten,)
ie Stimme des „Fuchses" klang viel
wärmer, als die seines Bruders. Helia
fiel Plötzlich auf, was sie schon diese
Tage her öfter bemerkt, ohne es sich
klar zu machen: in sei-
nen Augen und den derb
geschnittenen Zügen lag
eine gewisse Traurigkeit.
Warum? Was mochte ihn traurig
machen? Was hatte man ihr doch da-
von andeutungsweise mitgetheilt?
Darüber dachte Helia noch nach, als
sie schon längst das Schloß hinter sich
hatte.
Es war ein schlimmer Rückweg.
Fräulein Mandl stöhnte und ächzte
jammervoll, und wenn Helia sich ihr
nicht widmen mußte, so dachte sic mit
einem trostlosen Gefühl der Enttäuschung
an ihre Rückkehr in die Pension, und
was nun aus ihr werden solle. — —
lieber diesen letzten Punkt unterhiel-
ten sich in diesem Augenblick die beiden
Brüder in demselben Zimmer, das
Helia bewohnt hatte.
„Bodo, ich habe gedacht. Du könn-
test keine passendere Frau finden," sagte
Heinz, die Hände in den Taschen, und
auf und ab gehend, mit einem Ausdruck
von Unruhe in den wettergebrännten
Zügen, der dem jüngeren Bruder nicht
entging und - den er sich nicht zu deuten
wußte, denn Heinz war ja so seelen-
froh über die gelungene Besitzergreifung
gewesen.
„Du solltest sie heirathen,. Bodo!"
sagte Heinz noch einmal, da der Bru-
der schwieg.
„Heirathen?" Bodcp machte eine
Grimasse. „Nimm Du sie doch, wenn
Du meinst, daß wir so im sicheren Be-
sitz bleiben," wies er dann die Zn-
muthung des Netteren zurück.
Dieser zuckte die Achseln und machte
ein finsteres Gesicht.
„Na, bitte, Heinz," sagte Bodo, vor
ihn hintretend, „es hat Alles seine
Grenzen, auch der sentimentale Liebes-
kummer eines Dreiundzwanzigjährigen!
Die Geschichte ist sieben Jahre her; so
tief Du damals auch gelitten haben
magst, jetzt muß die Wunde vernarbt
sein, und ich erlaube mir, die Meinung
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