Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 27.1892

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Heft LZ. Illustvivte Flrnrrlien-Deitnng. Iahrg. IM.




Die graue Mauer.
Novelle
A v. Kapff-Mcntßer.
-(Nachdruck verboten.)
1.
err Friedrich Bernhard Wertner, der
Hauptaktionär und eigentliche Be-
sitzer und Leiter einer der größeren
hauptstädtischen Börsen,Mungen, saß
mit seiner Familie beim Frühstück. Auf
den prächtigen alten Bäuinen des
Gartens lag der milde Herbstsonnen-
schein. Die Thür, die vom Speisezim-
mer direkt hinaus in's Freie führte, stand offen, und
die leuchtenden Farben eines überaus sorgsam gepfleg-
ten Blumenbeetes spiegelten sich in den mächtigen
Scheiben. Nur ganz von fern.drang das
Geräusch der Hauptstadt hierher; die be-
nachbarten Straßen waren sämmtlich asphal-
tirt, und nur befahren von den Gummi-
räder-Equipagen, die nach dem nahen Thier-
garten rollten.
Die Tafel war mit seinen Speisen und
Früchten, mit guten, schweren Weinen be-
setzt, der Speiseraum selbst mit aller mo-
dischen Eleganz ausgestattet; doch fiel kein
Detail auf — es war Alles so, wie man
es etwa auf einer Ausstellung oder in einem
vornehmen Magazin sieht. Es wäre nicht
möglich gewesen, aus irgend einem Bilde,
aus einer Blume auf den Geschmack der
Besitzer zu schließen.
Zwei hübsche Kinder im Alter von sechs
bis acht Jahren spielten jauchzend auf der
von röthlichem Weinlaub umrankten Ter-
rasse; auch ein niedliches kleines Wind-
spiel mischte sich in das Spiel der Kinder.
Aber Keiner sah und hörte nach diesem an-
muthigen Schauspiel. Der reiche Spekulant
studirte mit finsterer Miene Kurse und
Waarenberichte. Denn er war nicht nur
bei der Börsenzeitung betheiligt, sondern
auch bei einer ganzen Reihe industrieller
Unternehmungen.
So hatte er unter Anderm nach und
nach den größeren Theil der Aktien jener
Papierfabrik erworben, die seit Jahren das
Papier für seine Zeitung lieferte. Eben
hatte er seinem Bankier Auftrag gegeben,
möglichst den noch kursirenden Rest dieser
Aktien für ihn anzukaufen, als plötzlich im
folge einer unvorhergesehenen Konjunktur
die Notirungen für Jndustriewerthe ganz er-
heblich stiegen. Zwar würde sich die ent-
stehende Vertheurung nur noch auf einen
kleinen Rest von „Stücken" geltend machen,
aber ganz ohne Mehrkosten konnte es nicht
abgehen. Und obwohl der Ausfall bei sei-

Auch das war der Mutter nicht recht. „Aber,"
wandte sie ein, „wenn schlechtes Wetter kommt —"
„Vorläufig ist es doch schön, wie Du siehst!"
Mit scharfer, gereizter Stimme wurden diese Gegen-
reden gewechselt. Das „Fräulein", das noch am Tische
saß, schnitt ein saures Gesicht; sie mußte den Kindern
folgen. Und sie wäre doch so gern noch ein wenig
dageblieben, hätte so gerne noch von der Gänseleber-
pastete gegessen, noch ein Stückchen Ananas genascht.
In diesein abscheulichen Hanse hatte man ja nichts,
als das „bischen Essen". Ein freundliches Gesicht sah
man nie, ein freundliches Wort bekam man nie zu
hören. Aber das Essen war gut!
Tic Gouvernante entfernte sich mit den Kindern;
inan hörte das lachende Geschäker der Kleinen verklingen.
Frau Wertner gähnte; ihr Gatte erhob sich mit
einem flüchtigen Gruße.
„Du willst gehen?" srng Frau Lucie.
„Die Kurse von „Bruchmühl" steigen," entschuldigte
er sich, „ich will zur Deutschen Bank."
„Aber wir haben doch heute Gesellschaft," hielt
sie ihm entgegen. „Du willst mir wieder
die ganze Sorgenlast allein überlassen
es ist rücksichtslos."
„Ach was, Sorgenlast!" rief er ärgerlich,
„Charles und Marie sind doch so einge-
arbeitet! Ich weiß wirklich nicht - in
Wahrheit hast Du keine Vorstellung von
Sorgen!"
Er dachte an das Steigen der Kurse für
„Bruchmühl" und erschien sich als ein von
Sorgen übermäßig geplagter Manu.
„Natürlich," versetzte sie vorwurfsvoll,
„Du denkst, die Dinge gehen ganz von selbst.
Als ob inan nicht an Alles selber denken
müsse! Tie Marie ist eine eingebildete Per-
son, und wenn man ihr Alles überläßt, so
weiß sie sich dann vor Hochmuth nicht zu
fassen. Der Eharles aber trinkt, weißt Du."
„Bitte, komme zur Sache - ich habe
Eile," unterbrach er sie rauh.
„Die Köchin hat mich schon gestern ge-
quält wegen der Braten," fuhr Frau Wert-
ncr klagend fvrk, „es wäre jetzt, bevor es
Wild gibt, so schwer. . . Und mein Kleid
sitzt nicht! Wie ich mich wieder über diese
Modistin geärgert habe. Und dann die neue
Heizung!"
„Mein Gott," schnitt er ihren Redestrom
ab, „man heizt ja noch gar nicht bei dieser
Wärme!"
„Glaubst Du?" Ach, wie sorgenvoll die
arme Frau aussah! „Ich habe heute früh
gelesen, das Wetter werde demnächst um-
schlagen!"
„Meinetwegen," sagte er grob. „Uebri-
gens bin ich überzeugt, daß die neue Heizung
gut funktionirt, denn es Ivar doch eine aller-
erste Firma, die sie hcrstellte."
„Ja," beharrte sie nach Frauenart, „Du
verläßt Dich immer auf die Firmen, und
Du weißt doch, wie wir uns damals mit der
weltberühmten Finna Walker blamirkeu."

nem Einkommen von fast einer halben Million jähr-
lich gar nicht der Rede Werth war, ärgerte es ihn doch.
Seine Frau, eine hübsche, zarte Blondine, nahm
nicht die mindeste Notiz von der Stimmung ihres
Mannes. Sie sah die Börsenzeitung niemals, obgleich
im Feuilleton derselben auch Novellen und Romane
erschienen; sic kannte die Papier-Aktiengesellschaft kaum
dem Namen nach und hatte nur ein einziges, nie er-
lahmendes Interesse: ihre Nerven.
„Die Kinder werden künftig doch allein essen müssen,"
sagte sie verdrießlich. „Sie machen mir zu viel Lärm;
Du läßt sie auch treiben, was sie wollen!"
„Sie spielen ja nur," meinte Wertner mürrisch.
„Aber dieser Lärm! Es ist unerträglich! Wer wird
das hingehen lassen!"
Wertner war ganz und gar nicht bei der Sache;
er mochte auch derlei Stoßseufzer gewöhnt sein. So
antwortete er nachlässig: „Ich sehe doch nicht ein -
wenn keine Gäste da sind . . . llebrigens können ja die
Kinder auch unten im Garten spielen. Kurt
Annie! Geht hinunter auf eucru Spielplatz!"

Konstantopulos, der neue griechische Ministerpräsident. (S. 051)
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