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Hk» 7. Ittns'tvii.to Familien-Zeitung. Iaheg. issL




Die goldene Gans.
Ronian
Georg Kartwig.
(Fortsetzun-i.)
- (Nachdrvil verboten.,
ucie, empört, schalt die Kammerfrau
ihrer Schwiegermutter eine ganz un-
brauchbare Person und drohte, sie aus
dem Dienst zu entlassen. Die alte Pau-
line eilte sofort tief gekränkt und mit
lautem Schluchzen zu ihrer gnädigen
Herrin, um sich deren Schutz zu erbitten.
„War der Graf zugegen?" fragte
die Gräfin, sich noch steifer in die Hohe richtend.
„Nein, der gnädige Herr Graf waren nicht da,"
crwiederte Pauline weiuend. „Und unser
alter Dietrich hat gestern auch hören
müssen, daß er ein ungeschickter, schlecht
unterrichteter Diener sei, weil er der
jungen Frau Gräfin Stcarintropfen auf
die Hand träufelte, als er ihr den
Leuchter reichte."
„Ah so!" Die Gräfin erhob sich von
ihrem zweiten Frühstück. „Sehe mir
das Eierbier warm. Und sage der
Köchin, daß sie mit der Butter spar-
samer umgehen soll, wenn sie Brödchen
zum Thee schneidet. Ich werde noch vor
Tisch die Speisekammer revidiren."
Damit schritt sie langsam hinaus.
Draußen glühte ein heißer Julitag.
Selbst in diesen dicken Steinmauern em-
pfand man die lastende Sommerschwüle.
Dessenungeachtet trug die alte Gräfin
nach wie vor ihr schleppendes, schwarzes
Tuchgewand in glatter Prinzeßrobcn-
form nebst steifem weißen Halskragen
und Manschetten.
Ohne Zögern begab sie sich in das
Wohnzimmer des jnngen Paares, Ivo
sie Lucie ans dem Sopha liegend, in
zartestes Weiß gehüllt, allein antraf.
Bei ihrem Anblick stand die jnnge
Frau nicht übermäßig schnell ans Die
gegenseitige Abneigung war so tief, daß
sie endlich aufeinander stoßen mußten
„Mein Manu ist noch nebenan beim
Ankleiden."
Die alte Gräfin betrachtete die ver-
führerische Erscheinung ihrer Schwieger-
tochter mit finsteren Blicken. „Was ist
das für eine Geschichte mit meiner alten
Pauline?"
Die junge Fran erröthete vor Un-
willen. „Ihre ,alte Pauline', verehrte
Mama, hat sich als eine so ungeschickte
Persönlichkeit erwiesen, daß ich aick
besseren Ersah sinnen muß."

„Ersatz? Pauline verläßt das Schloß nicht um
eines solchen Plunders willen!" Sie zeigte gering-
schätzig ans das Spihengewebe an Luciens Negligv.
„Wie?" Lucie faltete die glatte Stirn, welche
blonde Löckchen in zierlicher Unordnung reizvoll um-
krünzten.
„Plunder, sage ich!" wiederholte die alte Gräfin
herber. „Wir sind an solch' närrische Kostüme hier
nicht gewöhnt. Wenn ich" hier trat der Haiste-Zug
nm ihren welken Mund auffallender hervor — Jnenn
ich mit unserer Dienerschaft zufrieden bin, so wird sie
auch wohl Dir genügen können."
„Sic vergessen, daß ich die Herrin dieses Schlosses
bin, die Gattin Ihres Sohnes," fiel Lucie zitternd vor
Zorn ein.
Die Gräfin zuckte die Achseln. ' „Es würde Dir
besser stehen, Bescheidenheit heranszukchrcn statt dieser
unberechtigten Ansprüche."
„Unberechtigt ?" Die Wangen der gekränkten jungen
Frau glühten. „Was soll das heißen? Wessen Eristenz

Bruch. Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. lT. 177)

in diesem Schlosse ist berechtigter, die Ihre oder die
meine?"
„Darüber mag mein Sohn entscheiden," crwiederte
die Gräfin bitter zwar, aber nicht ohne Würde. „Ich
frage nur, ob Deine Mitgift Dich in den Stand setzt,
eine zweite Kammerfrau zu miethen und zu unter-
halten?"
„Abscheulich!" Luciens Antlitz erblaßte bei diesem
ebenso wahren als unzarten Hinweis. „Mir vorzu-
halten — ich werde mich bei meinem Manne beklagen.
Und mein Batcr —"
Die alte Gräfin nickte spöttisch. „Und Deine
Mutter! Rufe an, wen Du willst. Ich wiederhole,
daß ans diesem Hanse kein Dienstbvte nm einer solchen
Bagatelle willen entlassen wird."
„Und meine Autorität?" fiel Lucie mit bebender
Stimme ein.
„Die magst Du besser iu anderen Dingeu zu be-
haupten suchen, als in diesen — leichtfertigen Toi-
letten, die mein Auge beleidigen. Wie eine Mutter
zu solch' verwerflichem Lurns ihre Ein-
willigung hat geben können —"
Hier trat der Graf ein.
Schön war seine Erscheinung nie ge-
wesen. Im beginnenden Alter, welches
er vorzeitig durch Ausschweifungen aller
Art herbeigeführt hatte, trat die Auf-
gedunsenheit seines Körpers immer deut
lichcr zu Tage. Auch zuckte und muckte
das vornehme Leiden, die Gicht, ihm
schon bedenklich durch alle Glieder. Heute
Morgen fühlte er ihre Mahnung recht
deutlich in der großen Zehe, was ihn
in die allerschlechteste Stimmung ver-
setzte.
Zwar hatte er aus Eitelkeit noch
nicht zu dem in solchen Fällen unum-
gänglichen Filzpantoffel gegriffen, son-
dern den schmerzenden Fuß noch einmal
versuchsweise in den leichten Hausschuh
gezwängt, aber der pressende Druck des-
selben wirkte ebenso unerträglich auf die
entzündete Zehe, als deprimirend aus seine
Kemüthsvcrfassung. Noch war er un-
schlüssig, welches von beiden liebeln er
für die nächsten Tage erwählen solle'
die natürlichen Schmerzen des Ansalles
oder die Folgen des schmerzstillenden
Sali hlsmitverdorbcnemMageu,Ohrcu-
snnsen, Gedächtnißschwächc und benom-
menem Kopfe.
Solches bei sich erwägend, trat er
in das Frühstückszimmcr und übersah
mit mißfälligem Stirnrunzeln die klar
zu Tage liegende Situation.
Lucie, welche vou dem Begriff Podagra
auch nicht die mindeste Ahnung hatte,
eilte mit trinmphircndcr Hast ans den
Eintretcndeu zu.
Obwohl er ihr abwehrend die Hände
cntgegenstreckte, wollte sie doch, der alten
Gräfin zum Berdrnß, an seine Brust
i'! n uud stieß dabei mit ihrem gold-
 
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