Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 27.1892

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Heft ss JUustvirto FnmUien-Deitung. Äihrg. ms.




Die graue Mauer.
Novelle
Zf. v. Aapff-Ksscntker.
(Fortsetzung u. Schluß.»
(Nachdruck verboten.)
8.
och Vor der Mittagsmahlzeit war Eugen
hinübergeführt worden durch ein halbes
Dutzend Gänge über einen breiten, ihm
bis dahin fremden Hof nach einem Sei-
tengebäude, in welchem sich in allen
Stockwerken Arbeitssäle be-
fanden, lang gestreckte,
mäßig hohe, Helle und nicht
übel gelüftete Räume, in denen an langen
Tafeln Gefangene saßen und standen, je-
der mit seiner Arbeit beschäftigt. Ein
Aufsichtsbeamter wandelte in dein breiten
Mittelgang, man schien von seiner An-
wesenheit kaum Notiz zu nehmen. Die
Leute flüsterten miteinander, lachten wohl
auch, trieben Scherz, aber sie arbeiteten,
die Stunden vergingen ihnen, sie hatten
nicht Zeit, zu denken.
Eugen wurde einem nicht ganz besetzten
Tische überwiesen. Man beschäftigte ihn
wieder mit Dütenkleben. Es ging schon
ziemlich schnell mit der Kleisterarbeit.
Ihm kam vor, als brächte er jetzt zwanzig
Düten eher fertig, als am ersten Hafttage
drei, und die Produkte seines Fleißes
sahen glatt, säuberlich aus. Sie waren
brauchbar, brauchbarer zweifellos als die-
jenigen seines Nachbars, der offenbar heute
die ersten Versuche machte.
Wenn die Gesellschaft von Berlin ihn
gesehen hätte, die ihn an der Riviera
glauben sollte! Und andererseits, wenn
Irina zufällig in den Saal getreten wäre,
hätte ihn dort gefunden, arbeitend unter
Arbeitern, gefaßt, geduldig, ergeben!
Im ersten Augenblick hatte ihn der
Geruch von armen und unsauberen Leu-
ten angeekelt, den er zu spüren glaubte.
Jetzt fühlte er sich etwas ruhiger, da
er Menschen um sich sah, Bewegung, da er
Stimmen hörte. Es waren nur Sträf-
linge, wahrscheinlich lauter Taugenichtse,
aber doch Menschen.
Freilich war er einigermaßen beschämt,
daß sich hier seine Äusnähmenatur so
gar nicht bewährt hatte. Aber Wohler
war ihm doch.
„Ich verschaffe Ihnen waS zu rau-
chen," hatte der ehemalige Komptoirdiener
ihm zngeflüstert und ihn mit dem warmen
Blicke angesehen, der Eugen gestern schon
in's Herz gegangen war. Und der Mann

für hundert Eigarrcn bestimmt ist, hnndertzehn, indem
er den Feuchtigkeitsgehalt des Rohstoffes erhöht. Die
überzähligen Cigarren würden nun für den Hersteller
unter Umständen werthlos sein, wenn er nicht einen
Weg fände, sic irgend einem Anderen zuzuführen, der
ihm wiederum ein entsprechendes Acquivalent zu geben
vermag.
Das aber hat seine eigene Geschichte. In jeder
Zelle, in jeder Schlafabtheilung gehört zu den vor-
handenen Geräthcn eine verschließbare Blechbüchse, welche
der Aufbewahrung von Salz dient. Salz wird nämlich
den Gefangenen nach Belieben geliefert. Nun, diese
Salzbnchsc ist ein bequemes Transportmittel. Jener
Gefangene, welcher dazu beordert wird, mit der leeren
Büchse in's Magazin zu gehen, nm sie dort füllen zn
lassen, verbirgt in ihr die ihm von einem Genossen
zngcstecktcn Cigarren; ans seinem weiten
Wege Passirt er irgend eine» Punkt, wo er
Gelegenheit hat, die gefüllte Büchse gegen
eine leere umzutauschen, beziehungsweise
gegen eine solche, die in ihrem Innern
die vereinbarte Gegenleistung birgt. Ver-
ständlicher noch wurde Eugen dieser ganze
Vorgang, als er erfuhr, daß die erb-
gesessenen Bewohner nuferer Strafanstal-
ten von jedem Punkte des Gefängnisses
aus, sofern der betreffende Raum nur
Wand an Wand liegt mit einem anderen
bewohnten Raume, sich jederzeit mitein-
ander nicht nur in Verbindung setzen,
sondern auf's Deutlichste verständigen
können. Das geschieht durch eine Klopf-
zeichensprache, die von Wand zu Wand
geleitet wird, und deren Aeußcrnngen
weiter zu geben jeder kundige Gefangene
für eine „Ehrenpflicht" hält. Der Manu
also, der in einem Schlafsaal des äu-
ßersten linken Flügels untergcbracht ist,
telegraphirt durch Klopfzeichen einfach in
den nächsten Raum hinein, und er kann
unter zehn Fällen neunmal sicher sein,
daß seine Depesche dem Adressaten nn-
verstümmelt zngeht. So ist es möglich,
daß Jemand, dcni es gelungen ist, einige
Geldstücke hcreinzuschmuggeln, oder der
etwa bei der Fabrikation von Tabak be-
schäftigt ist, oder dem irgend etwas er-
reichbar ist, was als Tauschmittel Am
deren willkommen sein konnte — daß der
Wege findet, seine Habe los zu werden,
seine Bedürfnisse zu decken. In dieser
Weise war auch in den Arbeitsraum, den
Engen nnnmehr bezogen hatte, Mancher-
lei geliefert worden, was die Aufsichts-
behörde gewiß niemals hergegebcn hätte.
Da hatte der Eine allerlei Pulver aus
der Apotheke, die ja auch unter Hinzu-
uahme von Gefangenen bcwirthfchastet
wurde; ein Anderer konnte mit Zucker
dienen, als er horte, seinem Nachbar sei
der Kohl zn sauer. Ein Dritter verhan-
delte Kautabak, ei» Vierter endlich hatte
Cigarren, eine ganze Salzbüchse voll, die

hielt Wort. Draußen in der Freiheit, wie würde
Engen gelacht haben über diese abenteuerliche Geschichte,
über diese Schmuggelei, die hier in dem weitverzweigten
Gcfängnißgcbändc mit Tabak und Cigarren getrieben
wurde! Die Sache ging nämlich, wie man ihm berich-
tete, folgendermaßen zu.
In der Anstalt war ein Theil der Sträflinge
auch mit der Anfertigung von Cigarren beschäftigt,
zu welchem Zwecke dem Einzelnen ein bestimmtes Quan-
tum roher Blätter ausgefolgt werden mußte. Da diese
Blätter mehr oder minder angefeuchtet werden bei der
Verarbeitung, läßt es sich nicht immer verhindern, daß
durch einen größeren Wasserzusatz Gewichtsunterschiede
herbeigeführt werden zwischen dem empfangenen Material
und dem abgelieferten Produkt. Mit anderen Worten:
der Arbeiter macht aus einem Tabaksquantnm, das

Neuigkeiten. Nach einem Gemälde von W. Hasfelbach. (S. 623)
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