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Heft > > Itbustrivte Fnmiiien-Deitung. 2«hrg. ML.




Der Huchs r>on Hossolrodo
Roman
L. chaidlieim.
lFortsetzuiig.)
_ (Nvchdruck verboten.1
aron, ein Wort!" rief die Schauspielerin
dann geradezu gebieterisch, und als Heinz
nicht sofort zu ihr hintrat, setzte sie hin-
zu t „Ich habe Nachrichten, die Sie in-
teressireu dürften."
Mehr mit Blicken als Worten bat er
Helia, weiter zu gehen; er gehorchte der
Person, und dabei malte sich in seinen
Plagen bange Unruhe.
Helia's Mädchenwürde empörte sich, gegen den Baron
Heinz noch mehr wie gegen die Damen. Diese Mutter
mit dem katzenfreundlichen Lächeln erschien
ihr schrecklich; die Tochter konnte nnr eine
würdelose Person sein.
Sie hatte noch nicht Zeit gehabt, dies
Alles zu denken, es lag nur scharf empfun-
den in ihr, als Nr Baron schon wieder
neben ihr war, so erregt, daß es auf sei-
nen Zügen zuckte.
„Was.wollen Sie denn im Dorfe be-
sorgen, wenn man fragen darf!" suchte
er ein leichteres Gespräch anzuknüpfen.
Sie konnte über ihre Entrüstung aber
nicht hinweg.
„Ich will eine Schneiderin aufsuchen,
Baron, und Sie nicht länger aufhalten
gab sie zur Antwort.
Er erwiederte nichts, aber der düstere,
schnelle Blick, der sie traf, maß sie zornig.
Seinen Hut in der Hand, empfing er
ihre kurze Entlassnugsverbengung. Ihm
war auch ganz klar, daß es Helia äußerst
befremdend sein mußte, ihn von denselben
Damen so familiär behandelt zu sehen,
vor welchen man sie in seiner Gegenwart
gewarnt hatte.
„Er hat einen schönen Maliermäßigen
Anstand!" dachte sie trotz ihres Grolls,
als sie nun allein weiter ging. Und dann
stellte sie Betrachtungen an. Es regte sich
in ihrem Herzen eine gewisse Sympathie
für ihn. Sicherlich hatte er diese Easta-
roni geliebt, und sie betrog ihn.
Nun ihr Plan auf die Grafenkrone
gescheitert war, zog sie in seine Nähe, um
mit ihm wieder anzuknüpfen. 'Aber wie
reimte sich damit seine kalte, schneidende
Erwiederung auf ihre Klagen? Warum
war er hier in ihrer Nähe?
Diese Gedanken beschäftigten sie, bis
sie im Torfe war. Das „Nähdortchen"
kam eben aus der Kirche zurück.
„Ah, die Ehre! Das gnädige Frau-

lein!" rief es mit seiner fröhlichen Stimme, und eine
freudige Rothe flog über das bleiche Gesichtchen.
Helia plauderte mit der kleinen Person gerne, die
so bescheiden und stets fröhlich war. 'Auch heute er-
zählte das Nähdortchen allerlei.
„Tie Fran Treves leiht mir auch zuweilen Bücher,"
meinte sie wichtig. „Wissen Sie, gnädiges Fräulein,
die Frau Treves, die auf den, Nordmaunshofe wohnl.
Sie ist eine alte Verwandte des nach 'Amerika ge-
gangenen Försters Treves, dessen reichgewordenem Sohne
der Hof jetzt gehört."
„Kennen Sie die beiden Tanien, die jetzt dort woh-
nen?" fragte Helia.
„Nein, gnädiges Fräulein! Tie werden auch wohl
nichts von mir machen lassen. Sie waren heute im
Dorfe, um noch ein Mädchen zu. miethcn. Sie wollen
den ganzen Sommer im Nordmannshof wohnen und
erwarten viel Besuch, haben sie gesagt,"
Helia mochte nicht weiter fragen, sie schwieg. Das
Nähdortchen aber fuhr fort:, „Frau Treves hält nicht
viel von den Gästen, und auf deren Urtheil kann man

Francesco d'Andrade. lS. 359)

bauen. Sie weiß mehr als andere Leute. Ja, wenn
die reden wollte! Tie weiß ganz genau, wie es damals
auf Lrdabrunn zugegangen ist, aber aus Liebe zu ihrer
ehemaligen Herrschast kommt kein Wort über ihre
Lippen."
„Es wäre ihre Pflicht, zu sprechen und dem Rechte
zum Siege zu verhelfen," sagte Helia erregt.
„Ach, gnädiges Fräulein, iu der Welt kommt das
Recht nicht immer obenauf," seufzte die Nähterin.
Helia widerstrebte es, dieses Thema, das sie so nahe
anging, mit dem Nähdortchen weiter zu besprechen, und
da es bereits zu dunkeln anfing, so brach sie ans.
Am andern Morgen aber sagte sie zu dem Kam-
merjunker: „Ich habe gestern gehört, daß auf dem
Nordmaunshofe eine Fran Treves wohnt, welche früher
auf Drdabrunn gedient hat. Weiß Doktor Neuster
von ihr?"
„Natürlich; die Treves verweigert aber jede Aussage
und erklärt, sie wisse nichts, könne nichts sagen. Uebri-
gentz laß Du Neuster nnr gewähren, der wird schon
wissen, was er thut."
Helia jedoch beschloß, sich bei diesem
Bescheid nicht zu beruhigen, sondern diese
Frau Treves selbst anfzusnchen.
Ter nächste Tag war sehr schön, ein
rechter köstlicher Frühlingstag. Im Gar-
ten wurde gepflanzt, Bohnen und derglei-
chen, Blumen auch einige, aber Helia
ärgerte die schmucklose prosaische Einrich-
tung, eine unruhige 'Aufregung steckte ihr
im Blut. Sie hatte einen ihrer einsamen
Streifzüge gemacht; die Hände voll wilder
Blnnien, kam sie, heiterer geworden, auf
einein Waldweg daher, setzte sich in das
Haidekraut und fing an einen Strauß zu
binden.
In einiger Entsernnng hörte sie das
dumpfe Bellen eines Hundes, bald darauf
tauchte am Ende de-s Weges ein Reiter
auf, den die graue Dogge umsprang. Es
ivar Baron Heinz,.
Lhne Besinnen lief sie wieder in den
Wald zurück. Noch immer hörte sie den
Dnnd, und so eilte sie weiter. Tann war
es^ wieder ganz still, sie beruhigte sich.
Warum sie vor dem Baron weglief, fragte
sie sich verwundert selbst. Sie wußte sich
darauf keine rechte Antwort zu geben und
ging grübelnd immer weiter, den Holzweg
entlang, auf den sie gerathen war. Plötz-
lich sah sie den Wald sich lichten nnd
stand vor einem ans dürrem Holzgestecht
gemachten alten Zaune und blickte aut
einen wüsten Hof, schon mit einer Ahnung
daß es der Nordmaunshvf sein müsse. Bor
dem Hause gab es viel Rusen nnd Lachen:
ein Wagen war Vvrgefahren, ein Jagd-
wagen mit Herren in Uniformen und
Damen in Hellen sommerlichen Kleidern
und großen Hüten.
Die begrüßende schöne Altstimme war
Helia schon bekannt, die Stimme, die den
 
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