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Und in der Tat ist es in Nordwestdeutschland der erste Sieg der Renaissanceidee. Hier ist
zuerst in dieser Gegend ausgesprochen, daß die Würde und der Charakter eines Gebäudes er-
höht werde durch Symmetrie, daß Vorder- und Rückseite sich entsprechen müssen, wie es durch
die Korrespondenz der Giebel auf beiden Seiten zum Ausdruck kommt. Erst durch den
Dvppelgiebel ist der Renaissancebau als ganzes imstande, dem Turm die Balance zu halten.
Auch daraus weht einen: etwas von Renaissancegeist an, daß man der Nachwelt sagen zu
müssen glaubte, wer diesen Bau errichtete. Und noch am Ende des Jahrhunderts war
man der gleichen Meinung,
wenn Sweder Schele in
seiner Familienchronik 15dl
den Neubau eine Verbesse-
rung und Verschönerung
nennt*).
Man sollte meinen, daß
die entwicklungsgeschichtliche
Bedeutung dieses Renaissan-
cebaus der Schelenburg früh-
zeitig die Aufmerksamkeit er-
regt hätte. Allein das ist
durchaus nicht der Fall. Es
ist vielmehr der gesamten
Literatur über die deutsche
nischen Burgen völlig unberücksichtigt gelassen wurde.
Renaissance unbekannt ge-
blieben**).
Fragt man aber weiter,
woher denn das Renaissance-
motiv der halbrunden Gie-
belabschlüsse stammt, so kann
inan nicht aus die Vermitt-
lung der Niederlande verwei-
sen, die sonst als Quelle der
niederdeutschen Renaissance
bezeichnet wird. Man muß
schon umnittelbar aus Ober-
italien zurückgreisen. Merk-
würdig ist, daß die reiche
Formenwelt der oberitalie-
Es sind vielmehr Bauten halbkirch-
lichen Charakters, die das Schmuckmotiv haben herleihen müssen. An Bauten wie die Scuola
di San Marco (1485) in Venedig kann man in erster Linie erinnern.
Daß aber das einfache Schmuckmotiv der Halbkreise eine solche Bedeutung gewinnen
konnte, weit über Nordwestdeutschland hinaus bis nach Dänemark, wo die Renaissance-
schlösser davon einen reichen Gebrauch machen***), hat noch einen anderen Grund. Die psycho-
logische Grundstimmung dieser Gegenden ist derart, daß ihr die ruhige Flächenhastigkeit dieses
Motivs, das sonst im ganzen Bilde der deutschen Renaissance etwas eintönig ist, am meisten
zusagen mußte.
Abb. 8S. Schelenburg, Mcisterschild
des unbekannten Architekten. (Schild-
rand und Bezeichnung sind erhabene
Meißelarbeit.)
H S. 281 des Manuskripts: „And zwar das Hauß ist besser wieder gebauet worden, als es je gewest."
S. 47O: „das Hauß wird heutigs Tags die Schelenburg genannt, zeithero das Heidenreich und Sweder Schele
dasselbige ser verbessert und mit einem Gebäu (oder Giebel? Das Wort ist unleserlich) verzieret-."
**) Weder Lübke, Geschichte der Renaissance in Deutschland. II. Ausl. 1882. noch G. Pauli, Die Renaissance-
bauten Bremens im Zusammenhang mit der Renaissance in Nordwestdeutschland, noch G. v. Bezold, Die Baukunst
der Renaissance in Deutschland ISM, nennen Schelenburg.
Vgl. Danskc, Herreborge. Kjobenhavn 1SO4.
Und in der Tat ist es in Nordwestdeutschland der erste Sieg der Renaissanceidee. Hier ist
zuerst in dieser Gegend ausgesprochen, daß die Würde und der Charakter eines Gebäudes er-
höht werde durch Symmetrie, daß Vorder- und Rückseite sich entsprechen müssen, wie es durch
die Korrespondenz der Giebel auf beiden Seiten zum Ausdruck kommt. Erst durch den
Dvppelgiebel ist der Renaissancebau als ganzes imstande, dem Turm die Balance zu halten.
Auch daraus weht einen: etwas von Renaissancegeist an, daß man der Nachwelt sagen zu
müssen glaubte, wer diesen Bau errichtete. Und noch am Ende des Jahrhunderts war
man der gleichen Meinung,
wenn Sweder Schele in
seiner Familienchronik 15dl
den Neubau eine Verbesse-
rung und Verschönerung
nennt*).
Man sollte meinen, daß
die entwicklungsgeschichtliche
Bedeutung dieses Renaissan-
cebaus der Schelenburg früh-
zeitig die Aufmerksamkeit er-
regt hätte. Allein das ist
durchaus nicht der Fall. Es
ist vielmehr der gesamten
Literatur über die deutsche
nischen Burgen völlig unberücksichtigt gelassen wurde.
Renaissance unbekannt ge-
blieben**).
Fragt man aber weiter,
woher denn das Renaissance-
motiv der halbrunden Gie-
belabschlüsse stammt, so kann
inan nicht aus die Vermitt-
lung der Niederlande verwei-
sen, die sonst als Quelle der
niederdeutschen Renaissance
bezeichnet wird. Man muß
schon umnittelbar aus Ober-
italien zurückgreisen. Merk-
würdig ist, daß die reiche
Formenwelt der oberitalie-
Es sind vielmehr Bauten halbkirch-
lichen Charakters, die das Schmuckmotiv haben herleihen müssen. An Bauten wie die Scuola
di San Marco (1485) in Venedig kann man in erster Linie erinnern.
Daß aber das einfache Schmuckmotiv der Halbkreise eine solche Bedeutung gewinnen
konnte, weit über Nordwestdeutschland hinaus bis nach Dänemark, wo die Renaissance-
schlösser davon einen reichen Gebrauch machen***), hat noch einen anderen Grund. Die psycho-
logische Grundstimmung dieser Gegenden ist derart, daß ihr die ruhige Flächenhastigkeit dieses
Motivs, das sonst im ganzen Bilde der deutschen Renaissance etwas eintönig ist, am meisten
zusagen mußte.
Abb. 8S. Schelenburg, Mcisterschild
des unbekannten Architekten. (Schild-
rand und Bezeichnung sind erhabene
Meißelarbeit.)
H S. 281 des Manuskripts: „And zwar das Hauß ist besser wieder gebauet worden, als es je gewest."
S. 47O: „das Hauß wird heutigs Tags die Schelenburg genannt, zeithero das Heidenreich und Sweder Schele
dasselbige ser verbessert und mit einem Gebäu (oder Giebel? Das Wort ist unleserlich) verzieret-."
**) Weder Lübke, Geschichte der Renaissance in Deutschland. II. Ausl. 1882. noch G. Pauli, Die Renaissance-
bauten Bremens im Zusammenhang mit der Renaissance in Nordwestdeutschland, noch G. v. Bezold, Die Baukunst
der Renaissance in Deutschland ISM, nennen Schelenburg.
Vgl. Danskc, Herreborge. Kjobenhavn 1SO4.