Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

Page: 19
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/deutscherwille29_2/0034
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
sremdvölkische Linwanderer an uns ziehn. Um richtig zu urteilen, müssen
Vir die Latsache in Betracht ziehn, daß in Deutschland immerfort eine
starke Binnenwanderung vom Land in die Stadt erfolgt. Statt in statisti»
schen Zahlen, die ohne Anschauung leicht zu Trugschlüssen führen, will ich
aus der schlichten Anschauung reden, welche die Dörfer meiner Heimat
darbieten. Wo bleiben denn die Söhne der Bauern? Ein Teil bleibt
auf dem Lande, teils durch Abernahme der tzöfe, teils durch „Einheiraten^
in tzöfe, die keine männlichen Erben haben. Und der Best? Daraus
werden Volks» und Mittelschullehrer, Gerichtssekretäre und Richter, Arzke,
Dechniker, Kaufleute, tzandwerker usw. Von hier aus geht das Geschiebe
in die Stadt. Mcht unser reiches Schulwesen allein bringt den mittleren
und höheren Bildungsstand hervor, wie Delbrück es ausdrückt, sondern
unsre Bauern helfen dabei mit. In der überschüssigen Zahl
unsrer Intelligenz steckt zum großen Teil die deutsche
Bauernkraft, die in der Landwirtschaft keine Betäti-
gung mehr fand. Die Bauernsöhne werden freilich keine landwirt»
schaftlichen Arbeiter, keine Bergarbeiter, Kanalarbeiter usw., denn der
bäuerliche Vater will wie jeder tüchtige Vater nicht, daß seine Söhne eine
soziale Stellung einnehmen, die in seinen Augen niedriger ist als seine
eigene. Ie nach seinem Vermögen läßt er sie dies oder jenes „lernen".
Ist das Gedränge und der Kampf ums Dasein in den Schichten der In-
telligenz übermäßig geworden, so stellen sich zwei Folgen ein. Erstens eine
Auswanderung, die aber von der Auswanderungsstatistik gar nicht erfaßt
werden kann, da sie nicht unter den üblichen Begriff fällt. Als der Krieg
ausbrach, merkten wir mit Erstaunen, wieviel Zehntausende von Deutschen
in England, Frankreich, Belgien, Italien wohnten und durch ihre erfolA-
reiche Arbeit — Deutschland „unbeliebt" machen halfen. Die waren
natürlich nicht mit den Auswandererschiffen aus tzamburg und Bremen
hinausgefahren, waren vielleicht zunächst nur einmal „zeitweilig^ ins
Ausland gegangen, aber man darf sie nicht übersehn, wenn man von
Auswanderung spricht. Zweitens: kommt der Bauer zu der Anschauung,
daß seine Kinder auch in den „städtischen^ Berufen sich nur „durchschlagen"
müssen, dann beschränkt er lieber seine Kinderzahl.

Die Frage stellt sich danach so: Sollen wir die übertriebene Produktion
von Intelligenz in der tzeimat fortsetzen und für sie, soweit sie nicht all»
mählich durch Geburtenrückgang ins „natürliche^ Gleichgewicht gebracht
wird, ein „deutsches Indien" schaffen, dafür aber auf die größtmögliche
Kräftigung und Festigung des ursprünglichen Volkskörpers verzichten? Oder
sollen wir jene übertriebene Produktion, die für Delbrück die Arsache der
schwersten sozialen Fragen ist, dadurch beseitigen, daß wir bäuerliches
Siedelungsland erwerben, so daß die Bauernsöhne nicht in die Stadt
gehn müssen, sondern Aussicht haben, selbst geachtete tzofbesitzer zu wer»
den, womit sie zugleich der Kraft des Gesamtvolkes einen unschätzbaren
Dienst erweisen?

Man wende nicht ein: die Bauernsöhne würden keine Lust haben, An»
ftedler zu werden. Es hat bei den Siedelungen in Deutschland und Öster»
reich bisher immer mehr an Land als an Leuten gefehlt. Bedenken wir:
rerade durch den Krieg hat sich unserm Volk der tzorizont geweitet, es
hat gesehn, wie große fruchtbare Länderstrecken schlecht oder gar nicht
bebaut daliegen, und, nach zahllosen Außerungen, Lust bekom-
Men, den ungepflegten Acker unter den eignen Pflug zu nehmen und

V
loading ...