Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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Lächeln unsrer mit allen Hunden gehetzten Gegner waren wir achtzig
Iahre lang die Gefoppten und Betrogenen."

Wohin aber zielt dieser Kamps gegen den französischen Einfluß im
alten Belgien? Es wird klar und fest der Volkswunsch in Form gebracht:
die Vlamen erstreben ein nationales Staatswesen, das durchaus germanisch
ist und sich eng an Deutschland anschließt, wenn Deutschland sich bereit
findet, diesem Staat seine „südniederländische" Eigenart zu belassen.

Es ist zunächst nur eine Partei in Flandern, deren Stimme hier
zum Ausdruck kommt, freilich die Stimme gewichtiger Männer einer
„kleinenBation", einer solchen, die nichts mehr wissen will von dem Staate,
der sie bis unterdrückte. Wir Deutschen werden gut tun, den ger«
manischen Brüdern im Bordwesten freundlich die tzand entgegenzustrecken,
um in Frieden mit ihnen beraten zu können, was der gemeinsamen Wohl-
fahrt dient. Lornelius Gurlitt

Zu Wilhelm Steinhausens „Siebzigstem"

^^v^ie wenig unsre Iüngeren oft von dem wissen, was ihrem Geschlecht
H Kunmittelbar vorherging! Man will „weiter" und meint, einen
nicht sonderlich schätzen zu sollen, wenn, was er gibt, schon „da" ist.
Es ist aber nur deshalb da, weil er seinerseits nicht nur „weiter" wollte,
sondern auch weiter kam, weil er das mit erworben hat, was jetzt
Besitz von Vielen ist. Wer Steinhaufens Wert geschichtlich würdigen
will, muß sich die deutsche religiöse Malerei ansehen, wie sie vor einem
Menschenalter aussah. Wo wir das Innerliche brauchen, machte sich
damals das Außerlichste breit, das Schlimmste aber: man hielt dieses
Außerliche für das Edle und das Innerliche für das Gemeine. Süßliche
Iünglinge mit wohlgepflegten tzänden und Locken zeigte man uns als die
ringende Kämpfergestalt Iesu innerhalb eines Dutzends von italienischen
Schauspielern, die mit den Mienen der Gesichter ebenso Posen stellten, wie
mit dem sorgsam zurechtgesteckten „edeln Faltenwurf" ihrer steifgestärkten
Gewänder. Das nahm man als „Idealgestalten", während man in Rhde-
schen Aposteln „entlaufene Zuchthäusler" sah. In seiner „Kunst" war
kein Schaffen mehr, war auch nicht mehr ein Ausfüllen geschaffener For-
men wenigstens mit blutwarmem Bacherleben, dort war nichts mehr als
ein Schablonieren. Die Wiederverinnerlichung des religiösen Malens in
Deutschland geschah vor allem durch vier Männer Höchst verschiedener Art:
Feuerbach, Gebhardt, Rhde und Steinhausen. Wer Steinhausen nicht
als einen der Verinnerlicher religiöser Kunst sieht, der sieht ihn nur in
einer Bebeneigenschaft.

Freilich, die tzerren von l'art pour l'art fragen nach dem Künstler
in ihm allein. Meinen sie den Maler damit? Der Maler Wilhelm
Steinhausen hat nicht als solcher geführt, hat aber immerhin auch zu den
Vordersten gehört. Es sind besonders in seinen Landschaften gelegentlich
Feinheiten des lebendigen Lichtes und andre Schönheiten rein malerischer
Art, und zwar Steinhausenisch eigene Schönheiten, deren Abersehen ich
mir nur dadurch erklären kann, daß man sie hier nicht suchte. Oder spricht
man vom Zeichner? Will man Blättern von der tzerbheit des „predi-
genden Ehristus im Kahn" oder des „Däufers in der Wüste^ den „Strich^
absprechen oder Bildern, wie denen zu dEn „Kindern von Wohldorf^ den
Duft? Aber wir sollten uns doch wohl besser das überhaupt abgewöhnen,

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