Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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negativen Wirkungen der „Intelligenz" vorgebeugt würde. Das tzeil aller
blüht aus solcher Kulturdurchdringung, Kulturzeugung, Kolonisation.

Das Mißtrauen der Zwischenvölker wird hinter Mitteleuropa „kultu-
relle Germanisation" wittern. Unsre Feinde damit: das Deutschtum
fordere, man möge es wie es ist, als Wirklichkeit und menschliche Tat«
sache mit allen Begrenzungen unbedingt anerkennen oder gar sich zu ihm
bekennen. Das wäre so helle Torheit, daß sie uns ehrlich kein besonnener
Gegner zutrauen kann. Aber was allerdings, wiederum nicht unsert«,
sondern des gemeinsamen tzeils wegen gefordert werden muß, das ist
Ehrfurcht vor den geistigen und sittlichen Mächten, denen wir Lhrfurcht
zollen und nach denen wir immer wieder, allem menschlichen Fehlen zum
Trotz, unser Leben einzurichten suchen. Ohne gemeinsame Ideale von Ge«
meinschaft, Staat, Kultur, bliebe Mitteleuropa Papier.

Die besten Linrichtungen Helfen nichts, wenn sie nicht von Menschen
getragen werden, die sich mit voller Reife und Wahrhaftigkeit zu ihnen
bekennen. Das erlebt man tausendfältig gerade in Österreich und Rngarn.
Davon hängt alles ab: ob in dem geographischen Raume, den die Grenzen
Mitteleuropas umfassen müssen, genug für Mitteleuropa taugliche Men«
schen zur Verfügung stehn. Ramentlich wird Österreich-Ungarn diese
Frage entscheiden. Das ist seine gewaltige Bedeutung über den Krieg
hinaus. Werden dort genug Verantwortungsfähige, an den geringsten wie
den höchsten Stellen, für jene Ehrfurcht vor gemeinsamen, nicht ost« sondern
mitteleuropäischen Kulturgütern gewonnen werden? Und in Deutschland:
werden die zur Lhrfurcht erzogenen Kräfte nicht zu falschen, allzu engen
Zwecken vergeudet werden? Erziehungsaufgaben für späte Geschlechter
türmen sich auf. Wohl uns, daß wir im Kampfe so hohe und reine Ziele
haben! Hermann Rllmann

Krttik eine Kunst?

war ein junger Bursch, als ich aus der Feder des verflossenen
^^Ola Hansson in den grünen tzeften der „Freien Bühne" die Behaup«
^Ftung fand, daß die Kritik eine Kunst sei. In meinen Augen war
das eine so offenkundige Vermengung von gegnerischen Begriffen, daß
ich die sonderbare Schrulle ohne Teilnahme mit einigem Befremden bei«
seite legte. Wenn wir damals jemand gesagt hätte, daß diese neue
Weisheit sehr eifrige Anhänger gewinnen würde, hätte ich'ihn für einen
Schwarzseher gehalten, der den natürlichen menschlichen Verstand unter-
schätzte. Nichtsdestoweniger aber hätte der Mann mir gegenüber recht
behalten. Es tauchten im Laufe der Iahre Kritiker genug auf, die offen-
bar lieber Künstler scheinen, als Kritiker sein wollten. Meine
ursprüngliche verstandesmäßige Gleichgültigkeit fing langsam an, sich in
einen herzhaften Widerwillen zu verwandeln. Der Kritiker als Künstler?
Man spürte auf zehn Schritte den Firlefanz der Eitelkeit. Mich erinnerte
es immer an femininkokette Samtjacken. An den Friseurgehilfen am
Sonntag. An gebrannte Locken. An geckenhaften Putz. An — doch lassen
wir die Vamen!

Mit der Motivierung, die man für die neue These zu Gesicht bekam,
war es sehr windig bestellt. Ich glaube darum auch heute noch, daß
man die in Frage kommenden tzerrschaften in keiner Weise unterschätzt,
wenn man ihre kritische Künstlerherrlichkeit schlicht und einfach auf ihre

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