Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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Vom «nmusikalischen England und seiner musikalischen

Heilsarmee*

hat sich daran gewöhnt, die Engländer für „gute Leute, aber
I ^ schlechte Musikanten" zu halten. „Was noch am humansten Eng«
^^^länder beleidigt," sagt Metzsche im »Ienseits von Gut und Böse»,
„das ist sein Mangel an Musik . . . er hat in den Bewegungen seiner
Seele und seines Leibes keinen Takt und Tanz, ja nicht einmal die Be»
gierde nach Takt und Tanz. Man höre ihn sprechen; man sehe die schönste
Engländerin gehen; es gibt in keinem Land schönere Tauben und Schwäne
— endlich, man höre ihn singen!" Dasselbe sagt Karl Peters in kurzen,
dürren Worten in seinem Buche „England und die Engländer": „Die
Engländer sind nicht nur nicht musikalisch, sondern entschieden antimusi«
kalisch.« Allerdings fehlt es den Engländern nicht an Liebe zur Musik,
sie hören sie gern; sie haben nur kein Talent für sie, auch wohl wenig
Neigung, zu musizieren. Sie sind für die Tonkunst gute Konsumenten,
aber spottschlechte Produzenten; es gibt ja auch keinen irgendwie bedeuten»
den Komponisten oder Musiker englischer tzerkunft.

Das alles ist aber nur richtig für die englische Welt, die man allein
kannte, bevor die tzeilsarmee der Kulturmenschheit das „dunkelste Eng«
land" erschloß. Die Blechmusik der tzeilsarmee wird von zuverlässigen
Beurteilern ebenso unbedenklich in hohen Tönen gelobt, wie alle sonstige
englische Musik verspottet wird. Es genügt wohl, auf das Ieugnis hin-
zuweisen, das Bernhard Shaw, der Dramatiker und Musikkritiker, ihr
im Iahre V05 im Londoner „Standard" ausstellte: „Ihr Kritiker", schrieü
er, „redet von der »unharmonischen Musik« der Heilsarmee. Memals
wurde eine größere Verleumdung ausgesprochen. Von den ersten Tagen
der Armee an, als ich zuerst eine tzeilsarmee-Kapelle den tzochzeitschorus
aus Donizettis Lucia di Lammermoor als Marsch spielen hörte, bis zu
der großen Versammlung in der Alberthalle vor zwei Monaten, als
die vereinigten tzeilsarmee-Kapellen den Totenmarsch aus Saul spielten,
der, glaube ich, noch nie so gespielt worden ist, seit tzändel selbst lebte, um
ihn zu dirigieren, habe ich nie ein tzeilsarmee-Musikkorps gehört, das
den Vorwurf Ihres Kritikers verdient hätte. Ich habe gehört, wie tzändels
großer Marsch von gepriesenen Orchestern durchgedröhnt und durchgeheult
wurde, bis der Gedanke des Todes ganz unerträglich wurde. Ganz in«
stinktiv und wahrscheinlich ebensowenig von tzändel als von Donizetti ver-
stehend, machten die tzeilssoldaten ihn zu einem großartigen Päan des
Sieges und Triumphes, so daß ich als erprobter Musikkritiker mit vielen
Iahren Erfahrung vor Begeisterung fast von Sinnen wurde."

Wie erklärt es sich nun, daß, während der gewöhnliche Engländer der
Welt der Töne unbeholfen gegenübersteht, der Engländer der tzeilsarmee

* Manche mögen der Meinung sein, daß der Verfasser dieses warmherzigen
Aufsatzes auf Umwegen suche, was geradeaus zu sehen sei, und die gute
Musik der Heilsarmee einfach aus der bis zur Leidenschaftlichkeit regen i n n er--
lichen Beteiligung der Heilsarmee-Musikanten erklären. Mit solcher
Auffassung stehen aber die Malzanschen Gedanken gar nicht im Widerspruch.
Dagegen weisen sie noch auf ganz wenig beachtete Zusammenhänge hin, mögen
diese Fäden auch zwischen mehr Fragen und Zweifeln schwanken, als der Ver--
fasser vielleicht gelten läßt. K.-L.
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