Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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Jugend, Schule und Krieg

Ein Bericht über neue Gedanken und Forderungen

jetzt keine Zeit für Schulreformen ist, während Tausende von
(^HHLehrern 'dem Schulorganismus entzogen sind, leuchtet ohne weiteres
^^ein. 'Aber die Auflockerung der Geister durch den Krieg, die stim»
mungmäßige Lmpfänglichkeit der Gebildeten für neue Forderungen, neue
Gedankengänge, hat uns doch schon eine große Anzahl von Vorschlägen
und Anregungen gebracht. Ehe hier dazu Stellung genommen wird, sei
eine kurze Abersicht ohne Kritik erlaubt.

Am frühesten war wohl Gustav Wyneken mit seinem Vortrage
vom 25. November „D er Krieg und die Iugend"^ auf dem
Plan. Lr gedenkt vor allem jener Iugendlichen, die unmittelbar vor dem
Kriege neue Lebensformen, einen neuen Ernst des jugendlichen Daseins
anstrebten, und hofft und wünscht für sie die tiefste Bestärkung und tzeili-
gung ihres Wollens durch den Krieg. Mit soziologischen Gedanken über
die Wirkung des Krieges auf das Volk verbindet er den Wunsch, daß
diese Wirkung — der „Burgfriede" im höchsten Sinne des Wortes — der
Iugend zum ethischen Erlebnis werde und sie stärke; daraus wird dann
die tzoffnung geschöpft, daß der Krieg unser öffentliches Leben adele. Ritter-
lichkeit, Wahrhaftigkeit, Abkehr von „billigem" Patriotismus, der sich
in tzaß und geistiger Enge gefällt, Abstinenz im weitesten Wortsinne, das
sind Gesinnungen, die Wyneken vom Kriege gestärkt wünscht. Mit ein-
dringlichen Worten schildert er die jugendliche Auffassung von der „tzeilig-
keit" des Krieges, die tzeiligung des sittlichen Empfindens durch den Krieg,
jene poliLische Gesinnung, die nicht anders kann, „denn als erste Frucht
des Sieges sich denken Geistesverjüngung, Willenserneuerung^. Zu For-
derungen übergehend wünscht Wyneken „die allgemeine und obligatorische
militärische Vorschulung der Iugend", allerdings in „strengster Sachlich-
keit", ohne irgendeinen „Gesinnungszwang". Nicht nur aus politischen
Gründen tritt er Hierfür ein, sondern vor allem aus schul- und jugend-
politischen: mit ihr „wird das herrschende Erziehungssystem grundsätzlich
entthront". An Stelle des passiven Iugendlichen tritt damit der aktive,
wie ihn Fichte gefordert hat. Im Zusammenhang damit steht die Forde-
rung nach Pflege eines neuen Deutschtums durch die Schule; nicht durch
bloßes Aneifern der Gesinnung, sondern durch Erziehung zu schöpferischem
Tun. Nicht fremde alte Kulturen sollen Gegenstand des Unterrichts sein,
sondern unsre gegenwärtige; nicht Abschließung von allem Fremden sei
die Losung, sondern Aberblick über die Gegenwart im weitesten Ausmaß.
Ein „jüngeres Deutschland" muß werden, ein „zukünftiges Deutschland,
in dem Wahrheit und Gerechtigkeit Herrschen^. „Soviel junges teures
Blut darf nicht vergossen ... sein, ohne daß von der Kraft und Iugend
ihrer verströmten Seelen etwas in unser ganzes öffentliches Leben über-
gehe."

Schärfer als Wyneken hat niemand die „neuen Rechte" der Iugend
ausgesprochen, wohlwollender und gläubiger niemand ihre tzaltung ge-
schildert. In starkem Gegensatz dazu betont F. W. Förster vor alleM
die Pflichten, die aus dem Kriege erwuchsen. Dahingestürzt sei der „ganze
Götzendienst des eigenen Ichs^, die „Wahrheit des schlichten, schweigsamen

* Verlag C. Steinicke, München

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