Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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gefangenen. Aber wieviel günstiger steht bei uns das Dorf da als das
Rittergut. Das Gut mußte schon zur Feldbestellung Kriegsgefangene haben,
welche das Dorf erst zur Ernte und auch dann noch keineswegs immer
brauchte. Und dabei hatte vorher das Gorf schon viel mehr Manner zum
Heere gestellt als das Gut. Hierzu kommt noch eins, was den wenigsten
bekannt ist: in den meisten Landschaften Deutschlands liegt es so, daß auf
gleich großer Fläche ein Dorf nicht nur soviel mehr Menschen ernährt und
Soldaten fürs Vaterland stellt, sondern auch außerdem noch mehr Korn,
Fleisch und Gemüse auf den Markt liefert, als das in der Bodenfläche
gleich große Gut. Hier ist ein Arbeitsgebiet, wo der Großbetrieb nicht
unbedingt die Leistungen erhöht, vielmehr in soundsoviel volkswirtschaft-
lichen Familien schafft die Liebe zum Boden und die aufs Höchste gespannte
Aufmerksamkeit mehr als die Macht des Gutsbesitzers mit hundert bezahlten
Händen. Hier zeigt sich also, daß Deutschlands landwirtschaftliche Wider-
standskraft die Vermehrung der selbständigen landwirtschaftlichen Fami-
lien fordert. Mehr Dörfer!

Wieder sichere SLätten den heiligen Schutzgeistern des Hauses; statt
rastlosem Suchen in Feld und Flur nach verlorenen alten und künftigen
Göttern die Ruhe des Feierabends und Sonntags am eigenen Herde! Da
taucht die Seele in die Tiefen der Lwigkeit, aus der heilige Kräfte quellen,
die zerstörenden Leidenschaften bändigend und uns erhebend zu Klarheit
und Frieden!

Ia, folgen soll unserm Kampf mit der halben Welt eine neue Völker-
wanderung, aber nicht in dunkle Fernen zu romantischem Antergang, son-
dern um uns mit der Arbeit den eigenen nordischen Heimatboden zu er-
obern. Dann werden uns auch Kolonisatoren, wagende Kaufleute, For-
scher, Entdecker, Völkerlehrer und Völkererzieher erwachsen, uns zum Buhrn,
vielen zum tzeil. Dann wird, aber auch nur dann, trotz aller Blutopfer
das verheißungsvolle Wort des Dichters wahr:

„Doch erfrischet neue Lieder,

Steht nicht länger tiefgebeugt!

Denn der Boden zeugt sie wieder,

Wie von je er sie gezeugt!" W a l L e r C la s s en

Der Aufsatz ist der W. Flugschrift des Dürerbundes „Die deutsche Fa-
milie und der Krieg" von Walter Classen entnommen. Das Heft kostet
30 Pfg., für Mitglieder 20 Pfg.

Änbekanntes von Gluck

Zur Pflege der älteren Musi? Z

^^e näher man sich mit Gluck beschäftigt, um so deutlicher wird dem
^ C künstlerischen Betrachter die Größe dieses Tonkünstlers. An ihm ist
^.Iwirklich noch etwas zu „entdecken", — die Urteile der üblichen Musik-
geschichten, die der allgemeinen öffentlichen Meinung über Gluck zu-
grunde liegen, treffen den Kern und Amfang dieser Persönlichkeit nicht.
Sechs Musikgeschichten, in denen ich soeben nachlas, erwähnen das Fol-
gende überhaupt nicht. Längere Zeit hindurch beschäftigte sich Gluck mit
dem Tanz. Die übliche Form des Tanzes war zu seiner Zeit das Ballett,
das heißt, wie jedermann weiß: eine einstudierte Massenproduktion in
mechanischen, gleichsam abgelelerten Bewegungen, in Kleid und Gruppen-

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