Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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Vom tzeute fürs Morgen

Zu Kaisers Geburtstag

aterlandsliebe und Königstreue,
Patriotismus und Monarchis-
mus sind nicht ein und dasselbe;
sie haben vielmehr eine sehr ver«
schiedene Geschichte, und es bestehen
zwischen ihnen noch immer Span-
nungen, die zu leugnen gerad heut
weder gut noch klug noch wahrhaftig
wäre.

Die Königstreue ist viel alter als
die Vaterlandsliebe) denn haben die
Deutschen gleich ihre tzeimats- und
Blutgemeinschaft allezeit tief emp-
funden, als politische Idee tritt
„die teutsche Bation" erst zu Beginn
des V- Iahrhunderts in ihr Bewußt«
seiN) und als politische Idee gerät
sie sofort und notwendig in Gegen-
satz zu den überkommenen Fürsten«
rechten. Schon im flüchtigen Kai«
sertraum der Bomantik klingt das
Antimonarchische auf. Wer für die
Wiederkehr Barbarossas war, mußte
die Baben hassen, die den Kyffhäuser
umkreisten; wer das alte teutsche
Kaisertum zurückwünschte, mußte
gegen alle die sein, die auf seine
Kosten zur Macht gelangt, also gegen
alle vierzig Könige, Großherzöge,
tzerzöge in deutschen Landen.

So lag denn im Begriff der teut-
schen Bation von vornherein etwas
Revolutionäres, Demokratisches und
Republikanisches. In der Tat ist
unter all den großen Bahnschaffern
des deutschen Gedankens ja auch
keiner „zuverlässig" monarchisch ge-
wesen. Wir sehen hier ab von
Goethe, tzerder, Möser, Lessing, weil
die mehr ein deutsches Kulturideal
denn ein politisches Ziel im Auge
gehabt, aber wir rechnen schon Schil-
ler, den Dichter der „Räuber", der
„Kabale und Liebe", des „Don Car-
los", des „Tell^ zu den Vorboten
der großen Spannung. Bun gar

die Sänger der Freiheitskriege. Oder
lag's nur an der Person des damali-
gen preußischen Königs, daß die
deutsche Lrhebung kein bleibend
Lied von der Königstreue hervorge-
bracht hat? Bun gar die Politiker,
Publizisten und Staatsmänner jener
Zeit: Arndt, Fichte, Iahn, der
Reichsfreiherr von Stein, selbst
Gneisenau und Scharnhorst, die
Schöpfer der allgemeinen Volksbe-
waffnung; — wichen sie nicht alle
irgendwie ab vom alten Patriotis-
mus, waren sie nicht alle irgendwie
mitschuldig am Aufkommen des
deutschen Staatsbürgergeists,
mitschuldig an der Auflösung jener .
alten Antertanengefühle, auf denen ;
nun einmal die Fürstenmacht ruhte,
ohne welche sie nun einmal nicht
glaubte bestehen zu können?

Wir wissen, wie dann die Span-
nung zwischen Vaterlandsliebe und
Fürstentreue in der ersten tzälfte des
ly. Iahrhunderts wuchs und wuchs;
wie der König von Preußen den
teutschen Rationalgeist, dem er doch
seine eigene Wiederherstellung ver-
dankte, unterdrücken wollte zur
Sicherung der königlichen Macht;-—
wie in der langen, traurigen, dump-
fen Zeit der ersten Neaktion Iahn
und Arndt ins Gefängnis geschickt
und Fichtes Reden verboten wurden,
und wie doch alle Verbote und Be-
strafungen der Vaterlandsliebe die
alte Königstreue nicht wieder her-
zustellen vermochten, wie „das na-
tionale Gift^ immer tiefer ins Blut
des Volks eindrang. Bis zuletzt,
in der bürgerlichen Revolution von
t8^8, das deutsche Fieber offen aus-
brach: Im Namen des Vater-
lands erhob man sich damals mit
Gewalt gegen die „Fürstenknechte^,
im Ramen der Vaterlands-
liebe predigte man damals inWort

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