Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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Umgestaltung des deutschen Fühlens der Volksgenossen gegeneinander, des
deutschen Willens gelingt sie nicht. Man spiele nicht rnit dem, was
uns die rettende Einheit gab! Man betracht' es auch nicht als ein Ge-
schenk, das der Kriegsbeginn uns in den Schoß warf und das wir nun
eben haben. Wir müssen's mit jedem Tage neu erwerben, um es zu
besitzen. Vorläufig ist es ja nur in einer Aufwallung, wenn auch in einer
stolzester Art, erfaßt. Es kann noch gar nicht in uns eingewurzelt sein,
auch Wurzeln brauchen ja zum Festerwachsen Zeit. Mir scheint: wir
sollten die Folgerungen ganz systematisch, sagen wir (da wir im Kunst«
wart sprechen): ganz schulmeisterlich durchdenken und auch in den Zeitun-
gen besprechen, die aus der Verbündung bisher feindlicher Gruppen her«
vorgehn. Wir sollten uns auch ganz hausgymnastikmäßig darin üben,
nun gegen die Andersdenkenden so zu sein, wie wir sie uns gegenüber
wünschen- begierig zu verstehn, ohne ArbeiL und Selbstüberwindung zu
scheun, und, wo uns das trotzdem nicht gelingt, duldsam, ferner: anständig
beim Bekämpfen, immer bündnisbereit für Gemeinsames, und immer
und überall nicht rotköpfig, sondern gescheit. Machen wir uns nichts weis:
das fordert für unser innerpolitisches Leben leider neue GewohnMten.
Und erst am Ende solcher nützlichen Abungen steht die politische Reife
unsres Volks. ^ A

Die Vlämische Aniversität in Gent

^^angsam bildet sich in Belgien wieder eine Volksstimme. Sie klingt
H Eanders <rls jene der alten belgischen tzetzpresse, die nach London und
^^Paris flüchtete und in tzolland ihre Ableger einrichtete. Dort herrscht
der alte Geist der Lüge, der tzingabe des eigenen Volkstums an Frankreich,
des durch die Mißerfolge verdoppelten tzasses gegen Deutschland. Aber die
Zahl der im Lande neu entstehenden Zeitungen wächst, mit ihr die Viel-
gestaltigkeit der Außerungen, die Lrotz der strengen, durch die Kriegsnot-
wendigkeiten bedingten Gesetze zu klarem Ausdruck der das Volk bewegen-
den Gedanken sich durchringt. Vor allem besteht natürlich ein starkes Bedürfnis
nach Rachrichten über die Kriegslage. Es ist bezeichnend für die Auffassung
der deutschen Landesverwaltung und für die Lage der Blätter, daß sie die
amtlichen Kriegsberichte aller SLaaten, also auch die der Vierverbands-
mächte, mitteilen können, während zum Beispiel in Frankreich die deutschen
und österreichischen Berichte nicht veröffentlicht werden dürfen. Man glaubt
eben, den Kriegsgeist dadurch vor Abflauen bewahren zu müssen, daß
man die Berichte der Feinde dem Leser vorenthält: Man tut vom Stand-
punkt der herrschenden Kreise gut daran, die Massen in Unwissenheit zu
erhalten. Wir Deutschen brauchen die Prüfung der Berichte auf ihre Wahr-
heit nicht zu scheuen.

Weiter steht den Zeitungen das Recht zu, die inneren Verhältnisse des
Landes zu besprechen, und sie tun dies reichlich. Dabei tritt immer deut-
licher der Einfluß der Vlamen hervor. Belgien, das (830 aus der Arbeit
von Diplomaten zusammengestückelte neutrale Königreich, beherbergte zwei
sich bekämpfende Nationen, germanische Vlamen und lateinisierte Gallier,
die Wallonen, Waalsche. Beide Völker würden friedlich beieinander haben
wohnen können in einem Staate, hätten die Wallonen und hinter diesen

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