Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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sind, so haben sie dennoch die Schönheitskraft der unterbewußten und danrit
grundlegenden Einwirkung.

Diese Zeit der Not ist eine Zeit des Segens. Das gilt von der Lebens«
führung, vom Geist, vom Körper, von der Seele. Das gilt auch von der
Arbeit, von der Gewerbekunst. Äberall ein Zurückziehen auf das Einfache,
Dringende; überall eine Beschränkung der viel zu vielen Möglichkeiten
auf wenige, begrenzte, harte, zähe, die sich nicht ringsum schreiend
anbieten, sondern die erobert werden wollen. Der alte Arstand der Lebens«
führung und des Amgangs mit den Gebrauchsdingen kehrt wieder; die Zeit
der Stoffarmut, aber inmitten eines riesigen tzochstandes technischer Mög«
lichkeiten, mag wiederkehren, wenn wir stark genug sind. Eine Zeit kann
kommen, ähnlich der, von der die Ldda sagt:

Die Asen einigten sich auf dem Idafelde,
tzof und tzeiligtum hoch sich zu wölben,

Äbten die Kräfte, alles versuchend,

Erbauten Essen und schmiedeten Erz,

Schufen Zangen und schön Gezäh —

And darbten goldener Dinge noch nicht.

Paul Bröcker

Vom Heute fürs Morgen

„Wir können es vertragen,
ärmer zu werden"

ieses Wort, mit dem tzelfferich
im Reichstag den Ilnterschied der
deutschen Volkswirtschaft von der
englischen bezeichnete, gehört zu den
Aussprüchen, die wie ein Schlaglicht
weite Zusammenhänge unter scharfes
Licht mit scharfen Schatten setzen. Es
gehört auch zu denen, die Stimmung
nnd Gedanken eines weltgeschicht-
lichen Zeitpunktes kurz in sich zusam-
menfassen und die darum im Ge-
dächtnis des Menschengeschlechtes
aufbewahrt bleiben. So sprach in
entscheidenden Augenblicken der Ge-
schichte ein verantwortlicher Deut«
scher: Was wir sind, sind wir nicht
durch Geld. Lnglands Größe ist auf
handel und Geld aufgebaut, unsre
auf Arbeit.

'Wir haben Achtung vor den
Menschen, die, obwohl sie alle Habe
verloren, doch im Bewußtsein ihrer
eigenen Kraft und im Vertrauen
darauf, daß es der Kraft und dem
Willen „doch gelingen muß", von

Grund aus ein neues Lebenshaus
bauen. Solche Menschen, die sich
nicht von Armut niederdrücken las-
sen, möchten wir alle sein. So möch«
ten wir auch als Volk sein. Nun ist
es ausgesprochen: Auch als Volk
schreckt uns Armut nicht, haben wir
doch unsre gesunde Kraft und unsern
zähen Willen.

And es ist keine Prahlerei: mehr
als einmal haben wir es bewährt.
Das deutsche Volk nach dem Drei-
ßigjährigen Kriege, das preußische
Volk nach dem Siebenjährigen und
wiederum das deutsche nach den
Napoleonskriegen. Es hat auf der
Grundlage seiner Kraft, auf dem
Boden, stets wieder von neuem
gebaut, nicht durch bezahlte Fremde,
sondern durch eigne Arbeit. So
hoch das Gebäude emporgeführt
wurde, fest und tragfähig steht das
Fundament im deutschen tzeimat-
boden, und stark blieb die Arbeits-
kraft des Volkes.

Darum enthält das Wort tzelffe-
richs auch eine Verpflichtung
für die Zukunft. Mcht auf die

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