Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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und serner gewaltigen Fortschritte. Er übersieht, daß für die Rniversitaten
Schwestern entstanden, die die Arbeit mit ihnen teilten, gewisse Gebiete
dieser ganz an sich zogen. Hatte er diese mit den verwandten A.nstalten
in seiner Heimat zu vergleichen Gelegenheit genommen, so würde er den
Grund, warum die deutsche Wissenschaft die französische hinter sich ließ,
noch deutlicher erkannt haben, nämlich daß es sich hier nicht um eine von
einem unvergleichlich weit denkenden, obenstehenden Organisator geschaffene
Lntwicklung handelt, sondern um eine solche, die sich durch das Zusammen-
arbeiten des ganzen deutschen Volkes von unten herauf entwickelte. Wollte
man die statistischen Zahlen hinsichtlich aller mit den Aniversitäten gleich«
wertiger Anstalten zusammenziehen, so würde sich in noch weit entschiede-
ner Weise zeigen, welch überlegene Mittel Deutschland für die Aus-
bildung seiner studierenden Iugend bereitstellt, in wieviel höherem Maße
es die Wissenschaften zu fördern sich geneigt findet. Mit Recht erkennt
Cruchet, daß es der Geist der großen Revolution ist, auf dem das franzö-
sische Universitätswesen sich aufbaut, und daß die Deutschen sich diesen
Geist zunutze machen. tzinter der Revolution aber kommt die größere, tiefere
Gedankenwelt, die von Kant ausgeht. Es ist die Gedankenwelt der in das
Ganze sich selbstbewußt eingliedernden Pflichterfüllung, der Erkenntnis,
daß wahre Freiheit nur in der Anerkennung der Rechte des andern, der
Gesamtheit, nicht im Gehenlassen des eigenen Willens liegt. Die fran-
zösische Auffassung ist bequemer und daher anlockender: Um Rechte
ist leichter kämpfen als um Pflichten. Es ist leichter, zur Mildtätig-
keit aufzurufen, als zu fordern, daß den Schwachen ein Recht auf tzilfe
verliehen werde; es ist einleuchtender, Gleichheit für alle zu fordern, als
den Ausgleich der tatsächlich unüberwindlichen Verschiedenheit; es be-
darf tieferer Menschlichkeit, jedem im Staate und in der Gesellschaft Auf-
gaben zu stellen, als ihm zu lehren, er könne tun was er wolle. In dieser
Verneinung der fraternite, egalite, liberte beruht der Aufschwung Deutsch-
lands ünd mit ihm seiner tzochschulen. Das ist eben der tiefste Rnter-
schied zwischen Frankreich und Deutschland, daß jenes im Geiste von (789
lebt und webt, Deutschland aber im Geiste von heute. Man kann nicht
mit einem Atem behaupten, daß man dem Fortschritt Huldige, wenn
man an fünfviertel Iahrhundert alten Grundsätzen festhält. Eine neue
bürgerliche Sittlichkeit, eine höhere, hat sich seither in Deutschland durch-
gesetzt. Den Besten unter den Franzosen dämmert diese Erkenntnis. Aber
die französische Nationaleitelkeit hindert sie, die Gedanken zu Lnde zu
denken, die ihnen der Vergleich mit Deutschland aufdrängt. Auf dieser
Sittlichkeit beruht die deutsche, den tzochschulen große Sonderrechte zu-
billigende Organisation des Wissenschaftsbetriebes und sein großer Erfolg.

I^M^I EorneliusGurlitt

Polen, von einem Polen gesehn

Zu Neymonds „Lodz"

eymont, der Dichter des großen polnischen Bauernromans (vgl.
^^^Lose Blätter im Kunstwart XXVII, (8), hat unter dem Titel „Das
^ ^gelobte Land" * jenen zum Gesamtbilde notwendigen andern Deil
des polnischen Lebens geschildert, der im schärfsten Gegensatz zu der östlich»-

* Eben in deutscher Abersetzung von A. von Guttry bei Georg Mülker,
München, erschienen.

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