Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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Die Neichsdeutschen und die Schweiz

ie Schweiz macht eine schwere Krise durch. Der „Graben" zwischen
(H^deutsch und welsch ist in den letzten Monaten eher tiefer als flacher

geworden, und was aus ihm heraus und um ihn herum gewachsen
ist, hat übel gewuchert. Die Lausanner Dummen-Iungen-Streiche und
die Berner Obersten-Geschichte waren nicht das Gefährlichste dabei, das
war auch nicht die Freiburger Sache, das Gefährlichste ist der Gefühls-
grund von Meinungsverschiedenheiten, der sich bei der Besprechung und
der agitatorischen Ausnutzung von all dem zeigte. Nun geht's um Grund-
fragen der Wehrhaftigkeit, um Erhaltungsbedingungen des eidgenössischen
Seins; die Aussprachen über soldatische oder bürgerliche Obergewalt wollen
ja nicht akademisch bleiben. Von all dem liest der Reichsdeutsche meist,
ohne recht ins Bild zu kommen. Aber nicht nur deshalb erscheinen ihm
die schweizerischen Blätter jetzt meistens unerquicklich, selbst wenn er den
Ärger über die vom Genfer See verlernt hat. Auch die großen deutsch-
schweizerischen Zeitungen, die sich an den Webstühlen der Geschichte fühlen,
verwundern ihn. Ihm scheint oft, als redeten da Gäste durcheinander,
ohne daß die Wirte, die Redaktoren ihnen klar sagten: und so denken
wir — und zwar: als tönte Nede und Gegenrede mitunter in einer Weise,
die an Bierbänkler-Politik und Teetanten-Moral erinnert. Zugegeben,
daß es auch dem Deutsch-Schweizer nicht stets gelingt, gegen den Reichs-
deutschen gerecht zu sein, in dem er doch immer noch dann und wann den
„Fürschteknecht^ sieht. Was die Redaktoren so oft das Zurückhalten, Reden-
lassen, Entgegenkommen lehrt, ist aber meistens innere Politik gegenüber
dem welschen Teil, und zwar Politik aus dem Bewußtsein der Verantwort-
lichkeit heraus, um nicht nach dem Zerfall hin zu wirken. Deutschfeindlich
ist der Deutschschweizer in seiner übergroßen Mehrheit nicht, aber seinen
Staat will er retten. Aber die helvetische Friedensinsel spülen ja jetzt
die Wellen von allen Seiten Sturmschaum. „Ich mag nüt meh neutral
fi", sagen Schweizerbuben, aber nur die Knaben geblieben sind, sagen
es auch als Männer. Aeutral bleiben müssen sie. Aur wieder die
Knaben denken auch bei uns im Reiche daran, die Schweizer sollten sich

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1. Märzheft ^^6 (XXiX,
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