Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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Studententum Westeuropas näher kennt, weiß es wohl, daß sich der russische
Student durch eine vielseitige Belesenheit auszeichnet. Der Russe liest
sehr viel bereits auf der Gymnasialbank." „Auch besteht ein großer Unter-
schied zwischen dem russischen Gymnasiasten und dem Westeuropas. Der
Russe liest viel, der Westeuropäer lernt viel und liest sehr wenig, wenigstens
im Vergleich mit dem Russen. Indem der russische Gymnasiast schon in
der Iugend eifrig sich mit Philosophie und Gesellschaftswissenschaft befaßt,
erscheint es natürlich, wenn er »Politik« in diesem Alter zu treiben be-
ginnt. Schon auf der Gymnasialbank ist er »Politiker«. Die Zustände
des Landes haben es >auch früher sehr begünstigt. Das Problem der Be-
ziehungen des menschlichen Zusammenlebens und Zusammenwirkens be-
schäftigt seine jugendliche Seele, er denkt sehr viel abstrakt und wird Idealist.
Daher ist die Frühreife der Iugend in Rußland erklärlich. (Ls ist in
Rußland schon wiederholt vorgekommen, daß junge Leute schon mit 22 bis
23 Iahren als die bedeutendsten Publizisten und literarischen Kritiker (wohl
gemerkt: Publizisten und Kritiker, nicht Dichter) bekannt wurden!"
(S. ((7/^8).

„Die publizistisch-kritische Literatur hat den Standpunkt »Kunst um
Kunst«, »Wissenschaft um Wissenschaft« entschieden abgelehnt. Sie befür-
wortete den Standpunkt des Atilitarismus. Nun sollte man glauben, daß
diese Literatur gerade im Gegensatz zum Idealismus stand, also all das,
was ich von Rußland behaupte, widerlegt. Allein das ist nicht der Fall.
Der russische Rtilitarismus ist ein ausgesprochener Idealismus, er ist ein
Altruismus, aber kein Lgoismus, eine Art Altruismus, der große Opfer
verträgt. Daher ist es auch begreiflich, warum die russische Kultur mit
sozialistischen Llementen stark durchsetzt ist, denn der Utilitarismus, den
sie vertritt, ist ein kollektiver, sozialer, kein individueller und egoistischer.
Aus diesem Grunde wird es verständlich, wie der Atilitarismus in West«
europa zu ganz anderen Konsequenzen geführt hat als in Rußland. Die
Folge des Rtilitarismus in Westeuropa war die Entstehung der praktisch-
egoistischen Nützlichkeitsmoral, in Rußland umgekehrt der Altruismus,
Sozialismus und die Selbstaufopferung im Namen des gesellschaftlichen
Glückes" (S. W).

„And Rußlands Kultur hat glänzend die Probe bestanden während
des Kriegsausbruches. Wer sich überzeugen will, der mag die russische
Presse beim Ausbruch des Krieges lesen. Kein Menschenhaß wurde da
entfacht. Kein zoologischer Nationalismus (ich verstehe hier natürlich die
liberale Presse) kam zum Vorschein. 'Die russische Presse wird das beste
Kulturdokument Rußlands in der Weltgeschichte bleiben. Es wird uns
belehren, daß die Kultur, die wahre Kultur, nicht von der Zahl der Menschen,
die lesen und schreiben können, abhängig ist, daß wahre Kultur einer
Nation nicht gleichbedeutend ist dem Ouantum der Erkenntnisse, über das
die Nation verfügt" (S. (2Y.

Zur Erklärung der Rückständigkeit führt Dr. Lifschitz außer der Tataren-
herrschaft und der übertriebenen Europäisierung (!) an: „Rußlands Rück-
stand läßt sich folgendermaßen erklären: Es hat viele Kriege geführt und
nach Landeseroberung gestrebt. Es hatte weder Zeit noch Arbeit übrig
für die kulturelle Förderung des Landes. Einem Staat geht es oft wie
einem Privatmann, und zwar: wenn er darauf ausgeht, im Erwerbsleben
sehr tätig zu sein, so geschieht es oft auf Kosten der Kindererziehung. Die
Erziehung wird vernachlässigt. Rußland war aber gezwungen, Eroberungs-
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