Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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Ein tzauptvorwurf knüpft sich unmittelbar an die Tatsache des Welt-
kriegs. Man meint, ihm hatte unsre Diplomatie vorbeugen sollen. Von
Iahr zu Iahr verloren wir an freundschaftlichen oder wenigstens unbedroh«
lichen Beziehungen zu andern Landern, von Iahr zu Iahr gewannen wir
neue Gegner. Aus unsrer „Isolierung" macht man unsrer Diplo«
matie den schwersten Vorwurf. Darin steckt die Auffassung, daß die Diplo--
maten den Weltlauf gleichsam beherrschten, als ob ein Mehr oder Minder
ihrer Geschicklichkeit auch große Bewegungen der Völker hin und her
wenden könne wie der Wind die Wetterfahne. Aber es gibt Dinge, die
weitaus stärker sind als die Diplomatie. Die Diplomatie ist kein freier
Anternehmerstand. Der freie Anternehmer kann eine große Vermögens-
anlage vornehmen, kann das aber auch unterlassen. Der Diplomat muß
sein Geschäft betreiben, auch wenn er es für aussichtslos hält; er muß
es auf sich nehmen, daß ihm Mißerfolge vorgeworfen werden, die viel--
leicht zwanzig Iahre vor seinem Amtsantritt bereits unvermeidlich waren.

Was hat es nun mit den Mächten auf sich, die stärker sind als die
Diplomatie?

^-^ismarck erzählt in den „Gedanken und Erinnerungen" von der Grün--
^dung des deutsch-österreichischen Bündnisses. Er habe so lange wie irgend
möglich gezögert, Deutschland in einem Bündnis festzulegen; als das Bich«
Lige sei ihm die Pflege eines freundschaftlichen Verhältnisses mit allen
Mächten erschienen, mit denen eins möglich war. Ein Drei--Kaiser--Bündnis
wäre ihm das Liebste gewesen. Und nun schildert er sehr anschaulich, wie
nach dem Kongreß von M8 Kaiser Alexander, Gortschakow und Schuwalow
ihn geradezu zur „Option", zur Wahl zwischen Rußland und Ssterreich
zwangen. Durch Fragen und Drohungen, anknüpfend an unbedeutende
Streitfragen zwischen Österreich und Rußland, wird er dahin gebracht,
Farbe zu bekennen. Trotz dem berühmten „cauchemar des coalitions^
schließt er nun den noch heute bestehenden Zweibund. Dies wird für immer
ein Beispiel bleiben, wie selbst ein anerkannter Großmeister der Diploma--
tie, noch dazu in stärkster europäischer Stellung — Bismarck hatte den Erfolg
des Berliner Kongresses eben hinter sich — gezwungen werden kann, wider
seine Absicht zu handeln. Die Umstände waren stärker als er; er mußte
das Verhältnis zu Nußland verschlechtern, das seit bestanden hatte,
um wenigstens etwas zu erlangen; er mußte so zu unserer großpolitischen
Vereinsamung beitragen. Was zwang ihn? Die russische Diplomatie?
Aber die handelte so, weil die europäische Lage ihres Landes sie nach ihrer
Meinung zwang, für die Behandlung der orientalischen Fragen freie tzand
zu bekommen. Die europäische Lage — bemerkt man nicht den Wider--
spruch, daß man einerseits unsre Diplomaten für diese Lage verant--
wortlich macht, daß man aber anderseits heute überall die innere Not--
wendigkeit unsres Gegensatzes zu England, Rußland und Frankreich
nachzuweisen trachtet? Die Politik besteht ja nicht nur aus Drohungen
und Verbrüderungen, Schriftwechseln und Abkommen; ihre stärkste We-
senheit ist die „Konstellation", die tatsächliche Lagerung derjenigen politi--

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