Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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den es, selbst Urteile zu fällen, die
nach einer Seite hin unangenehm
klingen könnten. Es erwies sich aber,
daß nach der Meinung der Kamp»
fenden keiner von beiden die rechte
Neutralität hatte. Die von der ersten
Art wurden zwar von denen gelobt,
denen sie sich anschlossen, von den
Gegnern aber als unneutral ver«
urteilt. Und die von der zweiten Art
gar machten es keinem recht. Wo
steckte der Fehler?

Der deutsche Gesandte in Lhri-
stiania, Graf von Oberndorff, hat
das kürzlich in einer Ansprache an
Tlorweger gut formuliert: „Länder
und Regierungen können neutral
sein; fühlende Menschen in Fleisch
und Blut können es nicht. Deshalb
dürfen wir nicht enttäuscht sein,
wenn in diesem vom Streite seiner
Freunde bedrängten Lande die Rei-
gungen nach verschiedenen Richtun«
gen gehen. Wir wollen mit auf-
richtigem, bleibendem Danke der
FreundschafLsbeweise gedenken, die
wir hier empfangen haben, und uns
darüber freuen, daß viele von denen,
die für uns das Wort ergriffen, zu
Rorwegens besten Männern ge«
hören. Wir wollen aber anständi-
gen, überzeugten, offenen Gegnern
Hier im neutralen Lande so wenig
wie auf dem Schlachtfeld die Achtung
versagen. Rur müssen sie ehrliche
Waffen benutzen. Der Verleumder
und noch mehr der, der fremde Ver-
leumdungen leichtsinnig und ge-
wissenlos nachplappert, ist verächtlich,
mag er sein Gift gegen einzelne
oder gegen ganze Völker spritzen.
Line Zeit wie die unsere, die ständig
mit dem Getöse der Waffen die
Köpfe verwirrt, hat den Anbeteilig-
ten, den »Neutralen«, eine heilige
Aufgabe gestellt: Sie sollen der
Wahrheit Zeugnis geben.
Rnd das sind wir Deutschen, so dünkt
mich, von norwegischen Männern,
ohne Unterschied des politischen
Glaubensbekenntnisses und der per-

sönlichen Neigung zu erwarten be»
rechtigt, daß sie uns nicht durch die
Brille sehen, die unsere Gegner
ihnen vorhalten, sondern daß sie
selbst nachforschen, wie es mit uns
steht, und was sie gefunden, ehrlich
verkünden."

Rechte Neutralität des einzelnen
heißt nicht, sich des eigenen Rrteils
begeben, sondern gerade: nach eige-
nem Urteil streben. Nicht nach
einem Vorurteil, sondern nach einem
gerechten, wohlbegründeten
Nrteil. Die Neutralität ist nicht ein-
fach Abstinenz, sie stellt vielmehr
positive Aufgaben. Damit dient sie
zugleich dem Kämpfenden, sie leistet
ihm sogar einen äußerst wertvollen
Dienst: Selbsterkenntnis. Bloßen
Entrüstungsschwatz kann der Kämp-
fende ohne weiteres ablehnen, einen
begründeten Tadel nicht. Leerer Be-
geisterungsschwung läßt den Betrof-
fenen, wenn er vernünftig ist, kühl,
eine begründete Zustimmung stärkt
ihn, ein begründetes Bedenken klärt
ihn. So fördert der Neutrale, der
selbständig und ernsthaft sich Urteile
zu bilden sucht, das Rechte und sach»
lich Richtige. And irrt er in seinem
Urteil — falsche Rrteile können
widerlegt und berichtigt werden.
Falsche Vorurteile aber nicht.

Gustav Falke l'

ls sein erster Gedichtband er-
schien, war er schon ein Vierziger.
Liliencron hatte ihn „auf den Damm
gebracht^, Liliencron war für die, die
ihn bewunderten, ein allzureichlicher
Lober, bei Falke hatte er einmal
guten Grund zum Lob — es wäre
bei Falkes weichem Wesen nicht wun-
dersam, wenn er dem Meister Detlev
zu viel nachgegeben hätte. Aber bei
aller tzingebung tat er das doch
nicht. Wieviel man in Falkes Ge-
dichtbüchern von Liliencrons Einfluß
schmecken mag, Falkes eigenes
Aroma ist doch nicht nur unverkenn-
bar, sondern sehr eindringlich da.
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