Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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zu vergewissern, daß alle jene Mißverständnisse, denen französische Reisende
in Deutschland zum Opfer fielen, alle jene schiefen Voreingenommenheiten
auch auf Cruchet Einfluß hatten, und daß er sich ehrlich Mühe gibt,
den Leser nie vergessen zu lassen, daß er ein Patriot sei, das heißt, von
Deutschland und den Deutschen Ables zu sagen für seine vaterländische
Pflicht hält. Freilich verspürt man gerade in diesem Punkte wenig von
der Originalität der Beobachtung, die sonst die Franzosen auszeichnet.
Es sind zumeist nur Bestätigungen dessen, was in hundert andern fran«
zösischen Werken sich als altes Reisegepäck des spottsüchtigen Besuchers
findet. So ist es zum Beispiel eine nicht eben sehr geistvolle Beobachtung,
die Eruchet mit immer neuen Zitaten belegt, daß die von ihm besuchten
deutschen Professoren schlechter französisch sprachen, als er selbst. Wie
es mit dem Deutsch Eruchets steht, erfährt man leider nicht!

Älber das Buch baut sich auf dem Besuch aller deutschen Universitäten
und vor allem ihrer medizinischen Institute auf. Fn den über diese ge-
machten Anmerkungen spürt man den kundigen Fachmann, während das
über andere Gebiete des wissenschaftlichen Betriebs Gesagte weniger tief
erscheint.

Wichtig ist aber das Schlußkapitel, in dem die Beobachtungen zusam-
mengefaßt sind. tzier hebt Eruchet vor allem den Wert der Dezentralisation
des deutschen Wissenschaftsbetriebes im Gegensatz zu der durch die Pariser
Aniversität bewirkten Zentralisation in Frankreich hervor. Er begründet
diese geschichtlich, indem er findet, daß sich die Deutschen zwar die Ge-
danken der französischen Revolution zu eigen machten, aber ohne deren
Fehler, die tzerabsetzung der Universitäten und den durch diese herbeigeführ-
ten Bruch mit der Dradition nachzuahmen. Wenn er den Mut gehabt hätte,
den von ihm angeregten Gedanken auszuführen, so würde er erkannt
haben, daß es der Staat in Frankreich ist, der in weit höherem Maße als
in Deutschland die Leitung der Universitäten in die tzand nahm, daß also
der durchaus freiheitlichen Entwicklung der einzelnen tzochschulen bei
uns die stärkere, freilich zugleich hemmendere Organisation in Frankreich
gegenübersteht: daß also gerade durch diese das französische Rniversitäts-
wesen seine Eigenart erhielt — zu seinem Nachteil! Schon ^863 hat
Professor Ioccoud darauf Hingewiesen, daß die Provinzuniversitäten an
schöpferischer Kraft Herabgesunken seien und daß die Pariser tzochschule,
trotz ihres Glanzes, nicht mehr imstande sei, den Kampf gegen die zahl-
reichen Wissenschastszentren Deutschlands aufzunehmen. Auch die vom
Staate ausgehende Reform der Universitäten von habe diese Nach-
teile nicht beseitigen können. Die deutschen Anstalten gewannen an Boden,
so klagt Cruchet, breiteten sich über Europa und alle Teile der Welt aus,
zogen an sich Mengen fremder Studenten und bildeten immer zahlreichere,
tatkräftigere, beweglichere und berühmtere Schulen der Wissenschaften. Alle
Aniversitäten blühen in Deutschland mehr oder minder, alle zeigen starkes
Leben. Die Städte, in denen sie sich befinden, sind stolz auf den Besitz,
kennen die glorreiche Geschichte der Anstalten, wetteifern darin, die
besten Lehrkräfte anzuziehen und diesen Erfüllung ihrer Wünsche zu
schaffen. Aberall sieht man glänzende Neubauten, vortrefflich eingerichtete
Institute, ausreichendes Studienmaterial. And zwar baut man nicht Riesen-
häuser, sondern erweitert die bestehenden mit Geschick nach dem jeweiligen
Bedürfnis. Diese Beobachtungen zählt der französische Professor nicht ohne
merklichen Neid, nicht ohne mahnenden tzinblick auf Frankreich auf. Er

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