Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 13.1895

Page: 64
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die auch meisten ihrer Kleidungsstücke, vorzüglich
die besseren, Heinde» ec., alles Tuch re. wegge-
nommen und vc>schleppt. Der inzlvischen vvn
seinem Falle auS dem Kamnierfenster wieder
nufgcrichtete Hausknecht kam nun durch die immer
offen stehende HauSthüre zurück und trug ein
vvn ungefähr an der Thürschwelle angelehnt ge-
wesenes Grabspalt ins Hans herein. Da solches
im nämlichen Augenblick einige der Franzosen
ersahen, glaubten selbe, der Kerl sei gewillt, sich
ihnen bewehrt entgegen zu setzen, packten ihn also
auf der Stelle und zogen ihm einen blosen Säbel
durch die Hand. Andere gaben ihm zur Zulage
einige sehr derbe Rippenstöße; blutend sprang
er nun zil mir anfS Zimmer, in welchem ich
ohne Licht (denn immer löschten mir solches die
Patrioten ans, oder nahmen mir es vom Tisch
weg) ans und ab stakelte, klagte mir seine Ver-
wnndung, empfangenen Schläge, Verlust aller seiner
Kleidungsstücke und bat mich um Hilfe, die ich
ihm so wenig als er mir leisten konnte. Die in
meinem Hause versammelte Ränberrvtte mehrte
sich indessen, da von dem längst schon erbrochenen
Weinkeller und dem darin Vorgefundenen guten
Wein die Nachricht sich immer verbreitete, vvn
Stunde zu Stunde. Beständig erhielt ich vvn
selben und zwar fast jede Viertelstunde der ganzen
langen Nacht neue, ans sieben, acht, neun auch
mehreren Köpfen bestehende Besuche. Meistens
gingen selbe durch den offcnstehenden Saal in
meine Schlafkammer, packten daselbst das hie
und da noch Vorgefundene in Bündel zusammen
und krugeil es nachher dicht an mir vorbei die
Stiege hinab. Jene, welche öfters geradezu in
mein Zimmer kamen, hatten ihr Vergnügen da-
bei, daß sie eine immer unnütze wiederholte
körperliche Untersuchung an mir Vornahmen, ivas
in allem mindestens 8—10 mal geschah. Je
jünger die mich packenden Burschen waren, desto
zügelloser und mutwilliger betrugen sie sich.
Wirklich waren einige Milchgoschen dabei, die
kaum 15—16 Jahre auf sich haben mochten.
Vvn dem grämlich-elenden meist zerlumpten,
schmutzigen, bei den meisten der Einwohner des
Tartarus, wie sic der selige ?. Cochem beschrieb,
ganz ähnlichen Aufzug ist nichts zu sagen. Ge-
wiß und ich darf es mit Wahrheit niederschreiben,
stanken alle und jede dieser garstigen Sauhunde
nicht menschlich, aber auch ihr ganzes Benehmen
mar offenbar teuflisch. Nahe an 12 Uhr, als
ich eben ganz trostlos am Fenster auf dem
Sessel sitzend mich befand, sprang ein einzelner
noch sehr junger Lecker auf mich los, nahm
mich bei der Hand und forderte Tabak von mir.
Als ich ihm meine ansgeleerte Tasche zeigte,
nahm er einen ganz nnerwartcten Ton an und
sagte zu mir deutsch: „Und Du Pastor! gieb
mir und gieb mir gleich jetzt Kirkenschlüsscl her!
oder —". Ans meine Weigerung und Ent-
gegnung, daß jetzt in meiner Kirche nichts zu
lhun sei, setzte er den in seiner Hand getragenen
Leuchter auf meinen Tisch, ergriff das zur Seite
liegende Supplement des Kvnstanzer Rituales,
öffnete selbes und las mit lauter Stimme in
lateinischer Sprache, aber mit französischem Accent
zwei der rührendsten Gebete, die für die mit

den: Tode Ringenden verfaßt sind, vor, sah mich
einigcmale starr an und seufzte, wie ich wohl
merkte, bei den wichtigeren Stellen selbst in der
Stille mit mir. Kanin hatte er das Büchel
weggetcgt, so stürmte eine neue, zuvor nie wahr-
genommcne Nänbcrpariie zu mir herein. Sie
trugen sämtlich in ihren Pratzen große, ans
Wachs- und Unschlittkerzen zusammengewnndene
brennende Flambcanx, stießen mir solche unter
die Nase, fluchten und donnerten mich an, be-
fahlen mir, soviel ich mehr ans ihren Gebärden,
als Worten verstehen konnte, daß ich ihnen so-
gleich das von mir versteckte Geld, Gold, Silber
ic. entdecken, ihnen den Ort zeigen sollte, ober-
ste würden mich auf der Stelle'massakrieren ic.
Da ich nun ein- für allemal nichts Verstecktes
zeigen, viel minder geben konnte, zogen sich alle
mit gezückten Säbeln in meine immer offen ge-
haltene Kammer, rißen die nuten im Kleider-
kasten noch Vorgefundenen drei Loden, Flächsen,
Rensten und werkelte Tücher heraus, schnitten
selbe mit ihren Gewehren in Stücke und teilten
die Abschnitte davon unter sich.
(Fortsetzung folgt.)

Morizon.
Paramentit. — Die rühmlichst bekannte
OsianderschcK n nst stickereianstalt, Para-
menten- und Fahnenfabrik ic. in Ravensburg,
deren auf der Kvlnmbischen Weltausstellung von
Chicago im Jahre 1893 ansgestellte Arbeiten,
vor allem je ein Ornat im frühgvtischen (deS 14.
Jahrhunderts) und spätgotischen Stile mit Casnla,
Plnviale und Dnlmatika (Abbildungen im Kat.
S. 39—32 und 35—37) als „Meisterwerke voll
Kunst und Fertigkeit" bezeichnet und mit der
„höchsten Anerkennung und Auszeichnung" be-
dacht wurden, welche die genannte Ausstellung
zu geben vermochte, hat einen schön künstlerisch
vvn der Rat. Verlagsanstalt in München herge-
stclltcn illustrierten „Notizkalender" mit
Auszügen aus ihren Preisverzeichnissen (40 S.
geh.) ansgcgcben, welcher in die künstlerische Lei-
stungsfähigkeit dieser zu den ersten FabrikativnS-
stätten in der Paramentenbranche auf dem Kon-
linenle zählenden Firma einen Einblick lhun läßt
und die Aufmerksamkeit nicht bloß der unmittel-
baren Interessenten und KanfSliebhaber, sondern
auch der Kunstfreunde überhaupt verdient. Der
Chef derselben, Hub. Vogler, wurde kürzlich mit
der württcmbergischen goldenen Medaille für
Knnst und Wissenschaft ausgezeichnet.

Nmwiiccn.
In der Fr. Mangoldschen Buchhandlung
in Blandenren ist erschienen: Der Hoch-
altar und das Gestühl im Chor der Benc-
diktinerklvstcrkirche in B lau b euren. 20 Photo -
graphiedrnckblätter in gr. Folio von C. Ebner
in Stuttgart, mit einleitendem Text ic., heraus-
gegeben Vvn Hofrat Karl Baur daselbst. Preis :
15 M.; Mappe dazu 2 M. 50 Pf. (empfehlens-
wertes, in Nr. 21/22 dieser Zeitschrift vvn 1894,
S. 84 und 88 besprochenes Prnchlwcrk).

tintig«rt, Bnchdrnckerei der Alt.-Ges. „DeuischcZ Volt-Mali".
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