Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 13.1895

Page: 15
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unglücklichcii Bvlzeiischuß das rechte A»ge.
Davon der Name: Oswald mit dem Auge.
Seinem Ansehen mußte dieser Mangel er-
heblichen Eintrag thnn. Schon im 16.
Lebensjahr ergraute sein Haar. Später
traten mancherlei Narben hinzu und auch
die Gicht that ihr Teil, ihn zu entstellen.
Der unsrenndliche Empfehlungsbrief, den
so die Natur ihm mit auf den Weg ge-
geben, hielt aber den Jüngling nicht ab,
schon in frühen Jahren mittellos aus
Abentener- anszuziehen. Hören wir ihn
selbst davon berichten:
ES fügt sich, do ich was von zehen jciren alt,
Ich ivolt besehen, wie die iverlt wer gestalt
Mit cltend, armnt niangen winckel Hais und kalt
Hab ich gepant Key cristen, kriechen, Haiden,
Drei Pfennig in dein peivtel und ein stnckliu prot,
Das war von hnim mein zernng, dö ich lieff in not.
Der erste Anblick mochte ihn freilich
auf seinen Sängerfahrten namentlich beim
Franenvolk wenig empfehlen. Er selber
berichtet, wie einst in Ul in ein vornehmer
Gastfrcnnd (Patricier, dessen Name nicht
mehr erhalten geblieben ist) seiner Ge-
mahlin den vielgefeierten Sänger vorge-
stellt und was jene darauf erwidert habe:
„Nn Hais; mir den
Bilkvmen schiin!" —
Sy sprach zu im:
„„Ich Ivol vernym
Dein krnmben dön;
Was mächt mir, ach,
Der wegbart wolgefallen?""
Wann Oswald v. Wollenstem in Ulm
weilte, bezw. wann diese Vorstellung vor
sich ging, hat sich auf das Jahr nicht be-
stimmen lassen. Nachweislich kam er ein-
mal, fast 60jährig, also um d. I. 1426
bis 1428 über Ulm, als er im Aufträge
des von ihm gestifteten Elephantenbnndes
oder des Bundes an der Etsch in die
schwäbischen größeren Reichsstädte, n. a.
auch nach Augsburg, dann nach Heidel-
berg und Köln zog, um die Hilfe der
Reichsstädte und Reichsfürsten gegen Her-
zog Friedrich mit der leeren Tasche anzu-
sprechen. Wahrscheinlich hat der viel- und
weitgereiste Minnedichter Ulm aber öfters
berührt. Bald nach dem Jahre 1410
war er viel um den Kaiser Sigismund,
der ihn dann auch unter dem 16. Febr.
1415 zu Konstanz förmlich in seinen Dienst
aufnahm. Vom Konstanzer Konzil ans
mag er schon mit dem Kaiser nach Ulm
gekommen sein, oder auch erst später

i. I. 1434, zu welcher Zeit der genannte
Kaiser vom 4. Juni bis 13. August einen
Reichstag in Ulm hielt. Beck.
MjFMlen.
Von den Waldbnrg-Kapustigal. Diese
— in der Geschichte des fürstlichen Hanfes
Waldbnrg von vr. I. Bochezer von der Be-
handlung ausgenoimnene — der protestantischen
Konfession angehörige Seitenlinie des Gesamt-
Hauses Waldbnrg zweigte sich im Lanfe des
16. Jahrhunderts ab und machte sich in Preußen
ansässig. Gründer derselben war Friedrich von
Waldburg, Sohn des Truchsessen Johs. d. ü. von
Waldburg, welcher sich i. I 1505 in den Dentsch-
vrden nach Preußen begeben hatte, dann mit
dein Hochmeister daselbst , Albert v. Branden-
burg, alS dieser sein Hochmeistertum und den
deutschen Orden in ein erbliches Herzogtum ver-
wandelte, gleichfalls abgefallen und in den Ehestand
getreten war. Dieser Zweig behielt den Beinamen
Truchseß als Geschlechisbenennuug bei und führt
ihn heute noch, während die schwäbische Linie,
welche schon unter den schwäbischen Herzogen
und den hohenstaufischen Kaisern die Truchseßen-
würde besaß, auch seit 1314 den Namen Truch-
seß als Geschlechtsbezeichnnug angenommen und
im Jahre 1525 den Titel „Erbtrnchseß des hei-
ligen römischen Reiches deutscher Nation" von
Kaiser Karl V. erhalten hatte, mit dem Aufhören
des Deutschen Reiches nn Jahre 1806 diesen Bei-
namen ablegte. Aus demselben sind besonders
erwähnenswert der preußische General und Gou-
verneur v. Pillau Graf Wolf Christoph, Truch-
seß von Waldbnrg, welcher unter dem großen
Kurfürsten für seine Dienste bei der Belagerung
von Wien im Jahre 1683 (alias 15. März 1686)
von Kaiser Leopold die NeichSgrafenwürde er-
halten hatte. Dessen Neffe Graf Friedrich Se-
bastian, Truchseß von Waldbnrg-Kapustigal, der
sogenannte „lange Waldbnrg" war in seinen
früheren Jahren Gesandter in Dresden. Der
Memvirenschreiber Baron v. Bielefeld (geb.
in Hamburg, ch 1710) entwirft von diesem „lan-
gen Waldburg", der, wie er schreibt, 6' groß
war, folgendes Bild: „Ich kenne keinen ange-
nehmeren Mann als den Grafen Truchseß; sein
Umgang hat für mich so etwas Anziehendes, daß
mir jeder andere dagegen wertlos erscheint. Er
besitzt neben dem feinsten Weltton eine seltene
Bescheidenheit; sein überfließendcr Witz ist immer
zart und attisch. Ich bin unaufhörlich in seinem
Hause und werde von ihm mit Artigkeiten über-
schüttet. Er hat tausend Tugenden, tausend große
Eigenschaften, aber auch manche kleine Gebrechen,
die den Schatten im Gemälde abgeben und die
einförmige Vollkommenheit daraus entfernen.
Sein größter Fehler ist ein ewiges Poltern und
Toben mit seinen Leuten.Ich wünschte,
Sie könnten seine Wohnung sehen (sieZag zwi-
schen dem Köpeniker und Stralauer Thorc in
den alten Festungswerken von Berlin). Sie ist
weder ein Palais, noch der Flügel eines solchen,
noch ein Pavillon oder sonst etwas dergleichen.
Keinen Begriff kann man geben von diesen vielen
Zimmern, die aneinander hängen, von dem grv-
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