Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 14.1904

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MATHIAS MOLITOR—LEIPZIG.

Entwtirf zu einem Wandgemälde.

Nürnberger Kunststickereien.

Dem gesunden künstlerischen Zuge unsrer
Zeit folgend hat der für die Hebung
des materiellen und geistigen Wohls der Frau
mit so hingebendem Eifer tätige Verein
»Frauenwohl« in Nürnberg im Oktober des
Jahres 1901 eine Einrichtung ins Leben ge-
rufen, die in ganz besonderem Maße dazu
angetan ist, die dem Dilettantismus preis-
gegebene und allen Modelaunen unterworfene
Kunst der Stickerei in gesunde künstlerische
Bahnen zu lenken und überhaupt auf dem
Gebiete der Frauenhandarbeit geschmack-
bildend und veredelnd einzuwirken. — Er
richtete eine kunstgewerbliche Werkstätte
ein, stellte an deren Spitze eine mit den
künstlerischen Forderungen und Bestrebungen
unserer Zeit wohl vertraute und zugleich
technisch begabte Künstlerin und Hess unter
deren Leitung nach künstlerischen Entwürfen
arbeiten. Dabei sah er es einmal darauf
ab, junge Mädchen durch einen in enger
Verbindung mit der Werkstatt-Tätigkeit
stehenden Zeichenunterricht, durch geeignete
Materiallehre, durch fleissiges Üben der in
der Stickkunst vorkommenden Techniken
und durch systematische Pflege des Farben-
sinnes künstlerisch und technisch zu schulen,
zugleich aber bezweckte er damit, Künstlern
und Künstlerinnen, die es nur zu oft erleben
müssen, dass man ihre Entwürfe in den Werk-
stätten verpfuscht, weil es den ausführenden

Kräften sowohl an künstlerischer Einsicht und
Gefühl als auch an der nötigen Beherrschung
der Techniken fehlte, Gelegenheit zu einer
ihren künstlerischen Absichten entsprechen-
den Ausführung ihrer textilen Entwürfe zu
geben. Auch richtete die Anstalt eine Ver-
kaufsstelle ihrer Erzeugnisse ein, die nicht
nur den Produzenten zugute kommen, son-
dern zugleich auch erzieherisch auf den
Geschmack des Publikums einwirken sollte,
auf den das, was es für gewöhnlich in den
Stickereiläden zu sehen gibt, einen nichts
weniger als bildenden Einfluss auszuüben
pflegt. —

Als Leiterin der Anstalt, die sich in der
kurzen Zeit von drei Jahren aus kleinen An-
fängen zu einer vielbeschäftigten Werkstätte
entwickelt hat und dank dem richtigen Ver-
ständnis für die Forderungen der Zeit in
steigendem Maße mit Aufträgen bedacht
wird, wurde Fräulein Else Oppler berufen,
die von Max Dasio in München in die
Kunst eingeführt und mit der organischen
Darstellung der Pflanze vertraut gemacht,
im Anschluss daran unter Leitung van de
Veldes in Berlin Gelegenheit fand, sich in
dem schönen Rhythmus des Linienspiels zu
üben und dadurch zu lernen, die in einer
Fläche wirkenden Kräfte sichtbar zu machen.
Mit einem auserlesenen Geschmack begabt,
gelang es ihr vortrefflich, das Floreale mit

1904. XI. 5.
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