Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 14.1904

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Noch immer ist es ein selteneres Ereignis,
einer künstlerisch angezogenen Frau
zu begegnen, als von einer künstle-
rischen Kleider-Ausstellung, einem Vortrag
über das Künstler-Kleid oder, als allerneuestes,
von Reformkleider-Festen zu hören. Dass
die Wirkung aller dieser Bemühungen eine
entsprechende sei, kann niemand behaupten;
z- B. durchmustere man einmal die Zu-
schauer-Räume sämtlicher Theater Berlins,
ob man da von dem Geist des Künstler-
Kleides auch nur eine Spur entdecken kann.
Das landläufige Reform - Kleid, das oft ge-
sehene Gesundheits - Kleid kann man leider
m den wenigsten Fällen als ein künstle-
risches Gebilde betrachten. Alles Gute
aber, das in den Werkstätten der Künstler
Und von wenigen Frauen selbständig ge-
schaffen wird, verbirgt sich noch immer
schüchtern, wie eine gute Tat, in intimen
Zirkeln, dort wo man auch bis jetzt die Erfolge
der kunstgewerblichen Bewegung überhaupt
zu suchen hat. Wagt sich etwas Eigenartiges
aus der hohen Hecke, die diese kleine Kultur-
welt abschliesst, heraus, so wird es sich bei
der Begrüssung der draussen harrenden
Menge bald wieder dahinter zurückziehen.
Selbst das sogenannte gebildete Publikum ist

1904. VIII. 4.

DIE AUSSTELLUNG
KÜNSTLERISCHER
FRAUEN-KLEIDER
Iß IM WAREN-HAUS
WERTHEIM-BERLIN

NACH ENTWÜRFEN VON: ELSE
v. HAHN, ELSE OPPLER, FRIEDA
PETERSEN, ALFR. MOHRBUTTER,
CLARA MÖLLER, LUISE MATZ,
RUDOLF UND FIA WILLE U. A.

UNTER KÜNSTLER. LEITUNG V. ELSE OPPLER.

MIT TEXT VON ANNA MUTHESIUS—BKRLIN (NICOLASEE).

besonders in Berlin noch von einer grenzen-
losen Unduldsamkeit. Im Norden kann man
froh sein, wenn es sich in Ausrufen wie:
»Ach du mein Jott«, oder »die kann so bleiben«
genügt, im Westen, wenn man mit spöttischen
Ausrufen wie »Jugendstil«, »Sezession« oder
gar mit der fürchterlichen Betitelung: »Monna
Vanna« davonkommt. Dazu braucht man noch
lange nicht so weit gegangen zu sein, wie
Miss Duncan, die sich in griechischen Ge-
wändern auf der Strasse gezeigt haben soll.

Aber selbst wenn die Frau vor An-
griffen solcher Art geschützt wäre, würde
heute noch nicht von der Verbreitung einer
deutschen Tracht (wie sie sich manche ge-
träumt hatten), von einem Anti-Modekleide
oder einem Eigenkleide die Rede sein können.
Viele selbständig denkende Frauen haben
das Bedürfnis, ein Eigenkleid für sich zu er-
finden. Diejenigen aber, die beruflich stark
beschäftigt sind, scheitern in der Regel an
dem Mangel an Zeit, sich hier zu betätigen,
andere daran, dass ihnen der eigene Ge-
schmack fehlt. Künstlerische Berater aber
oder gar künstlerische Schneiderinnen zu
rufen, dazu wird es einer Frau aus dem
Mittelstand an Geldmitteln nicht fehlen.
Vielleicht wird die Zukunft mit einer grösse-
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