Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 37.1915-1916

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ÜBER DIE ARBEIT DES KÜNSTLERS.

Das Leben selbst ist Arbeit, die unbemerkte
aber ununterbrochene Arbeit des Geistes
und des Körpers. Auch der Schlaf ist nur eine
relative Ruhe der physischen und psychischen
Funktionen. Wenn wir die Arbeit aus dem un-
mittelbaren Lebensprozeß loslösen, d. h. wenn
sie uns zu Bewußtsein kommt, so bedeutet sie
einen Kampf gegen ein diesen Lebensprozeß
störendes, ihm entgegentretendes Element. Sie
wird damit eine Pflicht des Individuums gegen
sich selbst. Sobald die körperlichen Erhaltungs-
bedürfnisse teils befriedigt, teils durch Arbeits-
teilung verringert sind, werden Energien für
das Geistige frei. Die Arbeit dient nun zur
Befriedigung eines empfundenen geistigen Be-
dürfnisses, zur positiven geistigen Zielsetzung.
Natürlich kann auch die sog. geistige Arbeit der
Erhaltung und Vermehrung des physischen
Lebens dienen, aber das reine geistige Bedürf-
nis, der Wille ein Problem zu lösen, liegt nicht
mehr in der Welt der Tatsachen und der Dinge,
sondern in der der Vorstellungen, die ihre eigene
Realität haben. Darum ist aber diese Arbeit
für das Lebensganze nicht weniger notwendig;
was ihr an biologischer Sinnfälligkeit, an zahlen-
mäßiger Allgemeinheit abgeht, ersetzt sie durch
ihre Würde als den Menschen allein zugehörig.
Sie vollendet ihren Sinn erst dann, wenn sie
sich von der einzelnen Tatsache fortwendet und
das Ganze zu umfassen trachtet, wenn sie
darauf ausgeht, das Universum in einer einzelnen
Raum- oder Zeitgestalt darzustellen, kurz: in
der schöpferischen Tätigkeit des Menschen.

Wenn man ganz allgemein die Arbeit „die
Übertragung der Energie von einem System
auf ein anderes" (Maxwell) genannt und so den
rein funktionalen Charakter des Begriffes gut
ausgedrückt hat, so wird der stoffliche Inhalt
und die Energiemasse der Systeme der Arbeit
verschiedenes Aussehen und verschiedenen
Wert geben. Ursprünglich der Lebensprozeß
selbst, bald durch Hemmnisse ein bewußtes
Ringen um Lebenserhaltung, dann aus dem
Kreis physischer Bedürfnisse herausgelöst,
schließlich den geistigen Einzelakt überwindend
und auf eine Realisation der Lebensgesämtheit
an einer körperlichen Einheit solcher Vorstel-
lungselemente abzielend, die von dem unmittel-
baren Lebens- und Erlebniszusammenhang ge-
löst sind, beschreibt die Arbeit einen Kreis,
der in jedem seiner Sektoren einen anderen
Inhalt hat. Ziel und Grund der Arbeit, der

Weg, auf dem der einzelne zu ihr kommt, die
Organe mit denen er sie leistet, das die Tätig-
keit begleitende Gefühl — alles wird sich ver-
schieben und verschieden sein.

Nehmen wir zunächst den gewöhnlichen
Menschen. Er wird als physisch-geistiges und
als soziales Wesen in eine Fülle von Bedürf-
nissen und Pflichten hineingeboren, die er alle
durch seine Arbeit, seinen sog. Beruf zu be-
friedigen sucht. Er ergreift ihn beliebig unter
dem Eindruck zufälliger Einflüsse, Neigungen,
Berechnungen. Es ist gleichgültig, ob er Schuster
oder Schneider, Rechtsanwalt oder Arzt ist.
Es kommt allein darauf an, daß er sich in seiner
Arbeit durch stetige Wiederholung des Gleichen
die Fähigkeit möglichst großer Arbeitsleistung
sichert, um sein Ziel: die Rente, d. h. den Zu-
stand befriedigter Bedürfnisse möglichst schnell
zu erreichen. Je näher der Maschine, desto
näher dem eigenen Ideal größtmöglichster Tüch-
tigkeit. Kein Wunder, daß diese Menschen,
die nur arbeiten, um zu leben und einmal ohne
Arbeit zu leben, diese zur Seite werfen, so oft
und so bald sie nur können. Da sie ihre Not-
wendigkeit nicht empfinden, ist sie ihnen eine
Qual, von derem Druck sie sich erholen müssen.
Das Leben ist ein Fest, sobald die Arbeit auf-
hört und die Langeweile noch nicht begonnen
hat. Lebenund Arbeiten ist zweierlei geworden:
dieses Frohnen, jenes Genuß. Das ist die Welt,
die der Künstler haßt : die der handlangernden
Arbeitsteilung und der in ihre Elemente zer-
stuckten Menschheit.

Wie anders stellt sich die Welt des schöp-
ferischen Menschen dar — Dank seiner Arbeit!
Er wird mit seinem Talent geboren, er kann
ihni nicht ausweichen. Er kann nicht einmal
wählen, ob er Maler oder Dichter werden will,
er ist es schon von Geburt an. Er gehört dem
„unbekannten Gott".

„Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte
auch bis zur Stunde bin geblieben:
»ein bin ich — und ich fühl die Schlingen,
die mich im Kampf darniederzieh'n
und, mag ich flieh'n,

mich doch zu seinem Dienste zwingen." Nietzsche.
Dieser Dienst besteht darin, das eingeborene
Sein zu seiner höchsten Kraft zu entfalten,
niemals die Unmittelbarkeit des Empfindens
unter dem Druck der Wiederholung zu ver-
lieren, keinem Zeitpunkt auszuweichen, immer
tätig und darum niemals alt zu sein. „Nur
wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt"

XI*. Oktob

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