Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 37.1915-1916

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ÜBER EINIGE GRENZEN DER MALEREI.

Es kann kein Zweifel sein, daß das Sehnen
nach Unendlichkeit ein dem Menschen ein-
geborenes und wertvolles Streben ist. Ein Erb-
teil unserer Jugend, die wegen ihrer inhaltlichen
Unbestimmtheit dem (vom Instinkt beherrsch-
ten) Bewußtsein als eine selige Einheit mit der
noch nicht geschiedenen Welt erscheint; ein
Gegenstück zu dem in allen Kleinlichkeiten des
Alltags wühlenden Leben des in materiellen
Sorgen und Bedürfnissen aufgehenden Men-
schen ; ein Sehnen, hinter dem ruhelosen Fließen
das Beharrende, hinter aller Besonderung die
Einheit, hinter allem Vergänglichen das Ewige
zu finden, —• wie sollte da der Mensch nicht
stolz sein auf seinen Weg „nach dem Auf-
gang" ; wie sollte er nicht in diesem Streben
eine Würde sehen, die alles adelt, was sie be-
rührt (— auch wenn sie es vernichtet; wie
sollte er die Größe der Phantasie als der Schöp-
ferin aller menschlichen Geistestaten nicht ge-
rade darin erblicken, daß sie das Unendliche
Umschlingt und wiedergibt?

Und doch: sie ist nicht unendlich und nicht
lri der Unbegrenztheit liegt die Würde des

" Dezember 1915. 2

schöpferischen Triebes. Alles Leben und Wach-
sen bedeutet, daß der Mensch sich ins Ganze
mit seiner Menschheit gewordenen Individua-
lität einwurzelt und sie als solche zur Vollen-
dung ausreift. Ob wir den Baum ansehen oder
den Weg des Menschen —: Jung-sein heißt,
unbegrenzt und unbestimmt empfinden ; Mann-
werden heißt, sich und die Dinge nach Raum
und Zeit, nach Sein und Werden, nach Gestalt
und Wirken, in der Wurzel und im Ziel be-
grenzen und bestimmen. Auch die Phantasie
kann, so weit sie schaffend ist, diesem allge-
meinen Gesetze, das alles Leben beherrscht,
nicht entzogen sein. Mag der Mystiker noch
so befriedigt im Unendlichen schwärmen, der
Künstler darf sich den großen Schmerz nicht
verhehlen, daß es nicht sein Beruf ist, das Un-
endliche unmittelbar zu fassen und wiederzu-
geben. Man lese etwa die Schillerschen Ge-
dichte „Der Pilgrim" und „Die Größe der Welt",
um den Schmerz dieser notwendigen Begren-
zung ganz zu fühlen. In dem einen der beiden
klagt der Pilgrim, der in seines Lebens Lenze
zu jener goldenen Pforte auszog, hinter der
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