Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 47.1920-1921

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VON DER KRITIK DER KÜNSTLER.

EIN ZWIEGESPRÄCH.

A. : „Auch in dieser Beziehung können wir
von der Vergangenheit lernen!"

B. : „Um Gotteswillen! Nur nichts mehr von
Vergangenheit! Haben wir es denn noch immer
nicht gelernt, daß man von der Vergangenheit
nichts lernen kann? Was uns not tut, ist: die
Vergangenheit vergessen, um ganz der Gegen-
wart zu leben und — wenn es möglich ist —
eine erfreuliche Zukunft vorzubereiten!"

A. : „Der Gegenwart zu leben! Ausgezeich-
net! Aber warum sich dabei nicht von der Ver-
gangenheit gute Dienste leisten lassen?"

B. : „Unsinn! Wie sollte sie das können?"

A. : „O, auf vielfältige Weise! Ja, ich möchte
sagen: in jedem einzelnen Falle. Denn die Ver-
gangenheit ist nun einmal ein integrierender
Bestandteil unserer Gegenwart. Und ich möchte
behaupten, daß es einem Selbstmordsversuch
dieser Gegenwart gleichkommen würde, wenn
sie versuchen wollte, die Vergangenheit aus
ihrem Organismus herauszuschneiden. Sie
müßte daran verbluten!"

B. : „Bitte, keine zu kühnen Bilder! Wir
sprachen von den neuesten künstlerischen Be-
strebungen. Was kann uns da die Vergangen-
heit lehren?"

A. : „Nun, mancherlei, Positives sowohl wie
Negatives! Aber wir sprachen eigentlich we-
niger von den künstlerischen Bestrebungen
selbst, als von dem wilden Kampf der Worte,
den sie entfesselt."

B. : „Richtig! Ich war empört, daß Künstler,
vor deren Kunst ich bisher Achtung hatte, in
solcher — ja, wie sage ich gleich? — in solcher
Gassenbubenart über andere Künstler sprechen,
bloß weil ihnen deren künstlerische Richtung
nicht paßt, und ich sagte, das ließe mich an der
Echtheit ihrer eigenen Künstlerschaft zweifeln.
Denn der echte Künstler muß doch wohl ein
Organ für jede echte Kunst haben."

A.: „Ganz recht, so sagtest du. Ich aber
verwies dich auf die Vergangenheit. Und zwar
diesmal lediglich deshalb, um dich zu über-
zeugen, daß du mit solchem Zweifel im Unrecht
sein würdest. Denn von Künstlern sollst du
dir keine Urteile über anders geartete Künstler
erbitten. Als Beethoven seine VII. Sympho-
nie geschrieben hatte, meinte Karl Maria von
Weber, der Komponist des „Freischütz":
„Nun haben die Extravaganzen dieses Genius
das Non plus ultra erreicht: Beethoven ist nun
ganz reif für das Irrenhaus." Ich hoffe aber,
daß du deshalb nicht schlechter vom „Frei-

schütz" denkst als bisher. Und als Delacroix
auf der Höhe seines Ruhmes stand, sagte er
über Millet: „Er gehört zu jener Rotte bär-
tiger Künstler, die der Revolution von 1848
Beifall klatschten, weil sie glaubten, daß mit
der Gleichheit des Besitzes auch die Gleichheit
der Begabung käme. In seinen wenig verschie-
denartigen Werken findet man ein anmaßendes
Gefühl, das zwischen einer trockenen oder kon-
fusen Ausführung zappelt". Ich hoffe, daß du
trotz dieses Urteils dir die Freude an beiden
großen Künstlern nicht rauben läßt. Aber siehst
du: so rät dir die Vergangenheit, dem Kunst-
urteil der trefflichsten Künstler zu mißtrauen."
B.: „Das ist allerdings sehr seltsam!"

A. : „0 nein, das ist keineswegs seltsam! Je
bedeutender, je eigenartiger ein Künstler ist,
desto weniger hat er einen Blick für entgegen-
gesetzte künstlerische Absichten und Taten.
Aber ein Narr ist, wer einem Künstler daraus
einen Vorwurf macht! Selbst wenn ein Künstler
von dem doch immerhin bescheidenen Ausmaß
eines Philipp Otto Runge von Rubens sagt,
daß dieser „der abscheulichste Barbar in der
Kunst gewesen, der je existiert hat", so tut
man gut, ihm das nicht weiter zu verübeln, son-
dern sich klar zu machen, daß man von einem
Winzer an der Saar wirklich nicht verlangen kann,
daß er eine Zunge für schweren Burgunder habe."

B. : „Ja, aber auf wessen künstlerisches Ur-
teil soll man denn etwas geben, wenn die
Künstler für einen ausscheiden müssen?"

A.: „0 bitte, das habe ich nicht gesagt! Nur
ein Künstler aus gegnerischem Lager ist ein
schlechter Berater. Geh' nicht zu Lieber-
mann, wenn du dich über einen Expressioni-
sten orientieren willst, und geh' nicht zu No 1 de,
wenn du dir dein Urteil über Liebermann be-
stätigen lassen möchtest. Aber geh' ruhig zu
Beiden, wenn du über ihre eigene Weltanschau-
ung der Kunst Gescheutes und Ergiebiges hören
willst. Im übrigen aber: lerne auch ein Posi-
tives von der Vergangenheit, nämlich Toleranz
zu üben gegenüber den verschiedenartigsten
Bestrebungen der Kunst! Im Jahre 1798 schrieb
Wackenroder, dem die Kunstgeschichte die
falsche Etikette eines einseitigen Deutschtüm-
lers aufgeklebt hat, der aber so hell und klar
in alle Weiten sah, wie damals und heute nur
wenige, „Einige Worte über Allgemeinheit, To-
leranz und Menschenliebe in der Kunst!" In
ihnen heißt es: „Das Kunstgefühl ist nur ein
und derselbe himmlische Lichtstrahl, welcher

XXIV. OVt.-Nov. 1920 . 9
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