Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 47.1920-1921

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josef wackerle—münchen. »stuckornament überm kamin

GASTFREUNDLICHKEIT DER KUNST.

Die Kunst ist von Natur langmütig und gast-
freundlich. Sie empfängt jeden, der als
höflicher Gast in ihr Haus kommt. Sie verlangt
nicht von ihm, daß er durch sieben Weihen ge-
gangen sei und die strenge Adeptenfalte um den
Mund trage. Sie ist seit tausend Jahren allerlei
Kostgänger gewöhnt. Zwar strebt man heute
darnach, sie zur hageren Vestalin umzudeuten,
die eifervoll und stumm ein düsteres Feuer
hütet. Aber dieses Bild ist falsch. Man sehe
doch, wie sie ihr Haus auch heute noch bereitet:
sie hat heute noch für jeden eine Gabe bereit
und läßt jeden weitherzig nach seinem Gaumen
wählen. Man entferne endlich aus den Bezieh-
ungen zwischen der Kunst und ihren Gästen
das Finstere, Strenge und Abweisende, oder
vielmehr: man verstärke und unterstreiche es
nicht. Man gebe sich aber Mühe, allen Teil-
nehmern an der Kunst klar zu machen, daß sie

Betroffene desselben Schicksals sind und alle Ur-
sache haben, helfend und mit freundlichen Gesin-
nungen zu einander zu stehen. Die Kunst erzählt
nicht Dinge, die sie über Wolken gesehen hat. Sie
holt sie aus deinem und meinem Herzen, lieber
Mitmensch, aus allen Straßen und Winkeln des
kulturellen Augenblicks, für den jeder einzelne
von uns verantwortlichist. Schreckt und scheucht
sie dich hier, so erfreut sie dich dort. Sie kann
nicht anders, sie kann nichts anderes bieten, als
was wir alle ihr an Stoff zubringen. Die Kunst
gebietet dir nie: hier an diesem bestimmten
Werk mußt du dich freuen oder ich setze dich
vor die Tür. Weshalb sollte sie sich entfalten
in 1000 verschiedenen Offenbarungen, hätte
sie nicht den geheimen Wunsch, Jedem Ge-
nüge zu tun? Sage aber auch du nicht: Dies
und das widerstrebt mir, es soll verschwinden
oder ich verlasse das Haus..........w. m.

XXIV. Okt.-Nov. 1920. 10
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