Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 47.1920-1921

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SASCHA SCHNEIDER—DRESDEN.

GEMÄLDE »HOHES SINNEN« (1909).

SASCHA SCHNEIDER.

ZUM 50. GEBURTSTAG DES KÜNSTLERS.

Im Loschwitzer Künstlerhaus, in seiner sparta-
nisch einfachenWerkstätte, beging am 21 .Sep-
tember d. Js. Sascha Schneider, der Maler
und Bildhauer, seinen 50. Geburtstag. Abhold
jedem Gepränge, allzu verstrickt in sein Werk
um Festgedanken fühlen zu können, hatte der
Meister es abgelehnt, mehr in Empfang zu
nehmen, als einen Händedruck der nächsten
Freunde. Man hätte gerne mehr getan, aber
man wäre schlecht angekommen. Ist dem Künst-
ler nicht jeder Schaffenstag ein Geburtstag, eine
Wiedergeburt zum neuen Leben? und was sind
50 Menschenjahre, wenn man in apokalypti-
schen Zeitaltern lebt? Was sind freundliche
Sitten, dem, der auf einem weltfernen Geistes-
patmos Umgang hält mit allen jenen Dämonen,
die die Geschicke der Erdenkinder zwingen!
Und sich einen Tag Ruhe gönnen und Rück-
schau halten, wozu? Nein, mögen das Greise
tun, die nichts mehr zu sagen haben von Leben,
Gegenwart und Zukunft. So etwa zittert es in
der Atmosphäre des riesigen Ateliers mit den
Giganten Bildern an den Wänden und den dun-
keln Slatuen in den Ecken und gegen solche
Töne war nicht aufzukommen. So mußten die
Freunde wieder das dämmrige Treppenhaus
hinabsteigen und für den, der selbst nicht
Rückschau halten wollte, Rückschau halten!
— 50 Jahre Entwicklung einer Titanenphantasie,

ein zweites Gesicht, das durch die Maske der
Dinge schaut, Tag und Nacht Telefunkenzen-
trale für alle kosmischen Strömungen ist, das
macht ein allzu weiches Menschenherz schließ-
lich hart und kalt gegen sich, das erzeugt
denn auch jene Monumentalität des inneren
Wesens, aus der allein große Werke für alle
Zeit geschaffen werden.

Schneiders Individualität erklärt sich am ein-
fachsten aus dem Umstände, daß er in Peters-
burg geboren wurde, daß ihm in den Tagen
stärkster Eindrucksfähigkeit Mütterchen Ruß-
land die Ammenmilch und die schwarze Erde
das erste Lebensbrot gewährte. Alles was an
Dämonischem, an Unendlichem, an Unheimlich-
Asiatischem an ihm ist, das stammt aus der
Welt des Ostens, wo seine Wiege stand!

Deutschland und die deutschen Eltern gaben
ihm Anderes: Das fausthafte Streben um die
Wahrheit, Gründlichkeit in seinem Wirken, das
hohe Sinnen nach dem Ideal und die glühende
Sehnsucht nach Hellas und Rom!

Schneiders Aufstieg vollzog sich schnell.

Schneiders erste Erfolge auf den Wänden, die
die Kunst bedeuten, liegen schon über 25 Jahre
zurück, als er aus seiner Dachstube im Mühl-
bergschen Hause zu Dresden plötzlich mit seinen
dämonischen Kartons die Bourgeois epatierte.
Ganz Deutschland bebte damals schaudernd
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