Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 47.1920-1921

Page: 330
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1920_1921/0347
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
WIENER WERKSTATTE • D. PECHE.

»KÖRBCHEN« SILBER GETRIEBEN.

DER KOMMENDE „WOLKENKRATZER".

VON HANS SCHLIEPMANN.

Es hat längst Leute gegeben, die davon
schwärmten, den Wolkenkratzer, das Wahr-
zeichen kühnsten und — rücksichtslosesten
amerikanischen Geschäftsgeistes, nach Deutsch-
land zu verpflanzen, sei es aus deutscher Aus-
landsanbetung, aus bloßem Nachahmungstrieb
und Begierde nach dem Neuen, dem „biggest
of the world", aus Verlangen nach neuen künst-
lerischen Aufgaben oder sei es aus kluger Grund-
stückspekulation. Minder „Moderndenkende"
haben sich sehr ablehnend dagegen verhalten,
das Symbol des Geldgeistes auch bei uns die
Kirchtürme überwachsen zu lassen; die Ver-
hältnisse nach dem Kriege aber zwingen uns
dazu, nun doch noch an eine Verpflanzung des
Turmhauses in unsere Großstädte zu denken.
Die Fragen nach dessen praktischen Vorzügen,
an anderen Stellen genugsam erörtert, sollen
hier ausgeschaltet werden, doch scheint der
Augenblick gekommen, daß eine Kunstzeit-
schrift sich mit dem ästhetischen Problem des
Wolkenkratzers befaßt. Hierbei werden wir
zweierlei zu unterscheiden haben: die Erschei-
nung des Wolkenkratzers an sich und die im
Stadtbilde. Zweifellos haben die amerikanischen
Städte durch die Riesenhäuser eine ganz eigen-
artig eindrucksvolle Physiognomie, mindestens
für den Fernblick, erhalten, wie denn die Nadel
des Radierers das moderne Bauwunder New-
York schon vielfach festgehalten hat; daß aber
die Straßenzeile durch die regellose Häufung
dieser Megalithe erfreulich wirkt, wird schwer-
lich jemand behaupten wollen; „wo rohe Kräfte

sinnlos walten, da kann sich kein Gebild' ent-
falten", und wenn auch manches einzelne Haus
bereits von einer höchst sinnvollen Bändigung
der neuen Aufgabe zeugt. Neben schauder-
haften, ohne jeden Sinn für Proportionierung
nur als durchlöcherte Blöcke hingestellte
Nutzbauten findet man wirklich schon echte,
auch ästhetisch hervorragende Kunstwerke, wie
das New-Yorker Stadthaus; ihr Bildungsprinzip
läßt sich auf die Formel bringen, das Einzel-
fenster nur wie ein Ornament zweiten oder
dritten Grades zur Erscheinung zu bringen und
alle Untergeschosse nur als hohen Sockel einer
oberen Architektur, die wieder mehrere Stock-
werke zusammenfaßt, auch wohl einzelne ganze
Geschosse als bloßen Fries zu gestalten.*) Daß
wir bei Ausführung von Wolkenkratzern an
dieses Prinzip anknüpfen und architektonische
Gliederungen schaffen müssen, in denen das
Einzelfenster nur die Rolle eines belebenden
Nebengliedes spielt, scheint mir ebenso wahr-
scheinlich wie die Möglichkeit, noch andere Auf-
baumomente als „Sockel und Krönung" zu
schaffen, und sicher ist, daß es dabei auf den
„Stil" der Einzelformen nicht ankommen wird,
wenn nur der Stil des Baustoffes den natür-
lichen Ausdruck findet. Keinesfalls aber dürfte
es unser, wenn auch augenblicklich nur noch
restliches Kulturbewußtsein erlauben, solche
Turmhäuser wahllos in die Straßenzeilen zu

*) Näheres über die Ästhetik der Wolkenkratzerfassaden
findet man in meinem kleinen illustrierten Doppelbande in
der »Sammlung Göschen«: Geschäfts- und Warenhäuser.

330

■■■■■Ha
loading ...