Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 47.1920-1921

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»WÜRDE DER KUNST«

Wo das Wissen aufhört Religion zu sein,
ist der Mensch im Innersten gebrochen.
Wo nicht Sterne, Erden, Menschen, Tiere
und Kristalle unter gleichem Gesetz gebunden
sind, aufgereiht wie Perlen auf einen Faden, da
hat die stärkste Freude der Welt und das tiefste
Können des Menschen keine Stätte mehr.

Wo die Kunst etwas anderes ist als die Aus-
sprecherin dieses einen Gesetzes, da ist ihre
Würde und Kraft in Frage gestellt.

Das Wissen von diesem Gesetz und das
Nichtwissen von ihm — dies sind die beiden
Weltanschauungen, die sich im Verlauf der
Geschichte bekämpfen. Eine dritte gibt es nicht.

Zeiten der Kunst sind Zeiten des Wissens
von diesem Gesetz.

Zeiten der Kunst sind Zeiten, in denen der
Mensch des Gottes wegen da ist, nicht der Gott
des Menschen wegen, in denen er sich stark
und würdig weiß durch Einreihung in die eherne

lebendige Bindung von Himmel und Erde, Toten
und Lebendigen, Gott und Mensch.

Zum Bau der großen abendländischen Kathe-
dralen fuhren Jungfrauen edler Geschlechter
die Quader herbei in Karren, denen sie sich
selbst als Zugtiere vorspannten.

Auf babylonischen Votivsteinen sieht man
den König Assurbanipal, den Korb auf dem
Haupt, in dem er Gerät und Steine zum Tempel-
bau heranträgt.

Im Dienst an der großen herrischen Bindung
ist die Würde der Kunst, nirgends sonst.

Sie ist göttlich, so weit sie dem Gotte dient
und das Wissen ausspricht.

Sie ist nichtswürdig, so weit sie dem Auf-
lösenden dient und das Nichtwissen ausspricht.

Wo die Kunst in ihrer Würde steht, gilt, wie
assyrische Urkunden erzählen, selbst der elende
Backstein, aus dem das Heiligtum errichtet ist,
als Erzeugnis göttlicher Arbeit. Wilhelm michel.

Max verw'örn

W. KAMPMANN—BERLIN. »EX LIBR1S«
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