Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 47.1920-1921

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ARCHITEKT
DOMINIKUS
BÖHM-
OFl'ENBACH.

DIE OFFENBACHER ST. JOSEPHS-KIRCHE.

EIN NOTSTANDS-BAU,

Wenn wir an Notstandsbauten denken,
sehen wir elende, schnell hingesetzte
Holzbaracken vor uns; so hat es uns der Krieg
gelehrt. Die Not der Friedenszeiten erzwingt
neben anderen Umschaltungen unseres Tun und
Denkens auch hier den Wandel. Ein Muster
scheint mir die St. Josephs-Kirche in Offen-
bach a. M. von Dominikus Böhm für gegen
65 000 Mark aus Backsteinen erbaut. In dem
jungen Maler Holz, früher
Schüler der dortigen Tech-
nischen Lehranstalten, fand
der Architekt einen ebenso
begabten wie entsagungsvol-
len Mitarbeiter. Für be-
scheidene Entschädigung in
Hingabe an das Werk arbei-
tete er wie der Erbauer und
ein Teil der Mitwirkenden.
Das Holz des Innenbaus
wurde nicht gehobelt, da-
durch erhält es im Gewand
der Farbe weichen, samme-
tenenTon. Der Passionsweg,
Heiligenbilder über dem Al-
tar, Szenen des Testaments
wurden frei auf die Wand
aufgetragen, farbenfroh den
satten weißen Anstrich des
Raums belebend. Der Back-

eingangstur obiger kirche

Steinboden wirkt daneben als selbständiges Mo-
tiv, und doch hebt er die umgebenden Farben,
Das Äußere erinnert an Bauten des ravenna-
tischen Stils, frühchristlich, fromm und schlicht.
Durch Vorkragung einzelner Ziegelschichten er-
hält der ungeputzte Bau einen dem Material ge-
rechten Schmuck. Fünfhundert Beter kann der
Innenraum fassen; Orgel und Sängerempore leh-
nen sich an die Eingangswand. Die aufstreben-
den Stämme lassen den Raum
hoch erscheinen. Eigenartig
und neu ist die Trennung von
Chor und Schiff nach oben;
so wird ein Rahmen für das
Mittelstück des Altarbildes
gewonnen. Der Altar, eine
Stiftung, entstammt leider
nicht dem Entwurf des Erbau-
ers. Sonst wurde jede Ein-
zelheit, so die ewige Lampe,
von ihm gestaltet. Vielleicht
weckt diese Aufdeckung der
Möglichkeit, billig und gut
zu bauen, Baulust und neue
Formen. Möge die Not der
Zeit uns über das Gute zum
Besseren führen, da wir in
Zeiten des Wohlstands gar
oft über das Schlechte zum
Schlechteren griffen, r. corw.

tammm M |
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