Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 47.1920-1921

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TRAGÖDIE?

Was ist das für eine entsetzliche Sucht, die
unsere junge Künstlerschaft befallen hat?
Ist es das Wechselfieber? Sie kommen sich
minderwertig vor, wenn sie nicht zu jeder Aus-
stellung eine neue Richtung, eine neue Manier
vorführen können. Kaum hat eine Neuerschei-
nung die Ausstellungsrunde durchlaufen, sodaß
sich die mehr oder minder maßgebende Kritik
dazu äußern konnte, ist sie auch schon erledigt.
Kann doch auch die Modedame unmöglich zwei-
mal dasselbe Kleid in großer Gesellschaft tragen I
Das ist nun einige Jahre so gegangen, das
Kunstschaffen nahm immer mehr den Charakter
einer rasenden Flucht vor innerer Leere und
Langeweile an. NurnichtzurBesinnungkommen,
schien die Losung. Denn man hätte vielleicht
mit Grauen gesehen, wie unwahr dieses Getue
gewesen ist, mit dem man Effekte hinschmiß,
die Seele vortäuschen sollten, die mit Gewalt
als seelische Expressionen aufgeredet wurden.

Nun hat es auf einmal einen argen Quietscher
getan, und das ganze Karussell ist stehengeblie-
ben. Da hängen die buntlackierten Gäule, die
glitzernden Schabraken, die im rasenden Vor-

beihuschen das Auge blendeten: sie hängen still
und wirken plötzlich kalkig und gespensterhaft.
Wie seltsam war es schon, eins dieser im Taumel
entstandenen und für den „Betrieb" der Ausstel-
lungen gedachten Kunstwerke in der weihevol-
len Ruhe eines Museums wiederzutreffen! Nein,
mit fieberfreien Sinnen durfte diese Produktion
überhaupt nicht geschaut werden. Wenn sie ein
Spiegel unseres Seelenzustandes sein sollte,
diese Aufgabe hat sie glänzend erfüllt. Aber —
ein Narr gibt mehr als er hat. Insofern war
unsere Produktion sogar echt und wahr, die
Zerrissenheit und Unwahrhaftigkeit unserer Zeit
hat sie treffend wiedergegeben.

Ich mißtraue selbst der großen Geste der
Einkehr, die jetzt geübt wird. Sie reiht sich zu
effektvoll an den tollen Fasching als Ascher-
mittwoch an. Das sich selbst Zerreißen und
Erniedrigen hat gerade in dem Film der Zeit
noch gefehlt.

Dabei dürfen wir den Künstlern aufs Wort
glauben, wenn sie von ihrem Katzenjammerelend
erzählen. Sie können nicht weiter in dieser
rasenden Jagd, sie stehen vor dem Abgrund;
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