Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 47.1920-1921

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Sascha Schneider.

vor diesen neuen und unheimlichen Gebilden,
die sich mit Feuerschrift in die Seele schrieben.
Das Gefühl der Abhängigkeit, Mammon und
sein Sklave, ungleiche Waffen, der Anarchist,
Gram, die Genien der Geschichte, zwei Ge-
walten, das waren Dinge, die zu denken gaben,
Dinge, die nach peinlichen Problemen schmeck-
ten, und mit denen man sich nicht nur schwat-
zend abfinden konnte ! Der damals noch leben-
dige und allein seligmachende Impressionismus
half denen, die zur Ablehnung des Peinlichen
neigten: Gemalte Literatur — aber keine
Kunst! Die magisch Angezogenen freilich unter-
stützte bestärkend ebenso kräftig eine be-
geisterte Freundespresse: Der neue Mann, das
neue Genie ist da.

Schneider beachtete beides nicht. Er schuf
weiter, unbeirrt durch das Toben der Meinungen,
tat wie ein Kind, was er mußte, ein drängendes,
fast willenloses Werkzeug der geheimnisvollen
Mächte, die Bäume wachsen und Künstler zu
den Menschen reden machen. Natürlich ist ja
in den Jahren so eifriger Künstlerschaft unge-
heuer viel entstanden. Soll mans herzählen:
Die Fresken, Zeichnungen, Kartons, Plastiken,
Staffeleibilder. Es ist hier und an anderen Orten
genug gezeigt und gesagt, und ach, wie vieles
hat der ewig Bedenkliche versteckt, das wir gar
nicht kennen! Von einer einschneidenden
Wandlung ist bei Schneider nur einmal zu reden.
Es war nach Ablauf seiner Weimarer Zeit, wo
es ihn heftig nach Italien zog und wo er zuerst
zum Meißel griff. Damals sagte er allem Dä-
monismus Valet und gab sich ganz einem helle-
nischen Schönheitskultus hin. Die Kinder dieser
Periode wurden auch hier veröffentlicht. Erst
in allerletzter Zeit ist er wieder zu seiner ersten
Liebe, die Darstellung mystisch-dämonischer
Motive, zurückgekehrt.

Am wichtigsten erscheint uns an des Meisters
50. Geburtstage die Frage: Ist er in unseren
Tagen noch lebendig, ist er noch ein Wirkender,
hat er unserer Zeit noch etwas zu sagen, in der
unsere neue Jugend um neuen Ausdruck und
neuen Inhalt ringt! Ich möchte diese Frage mit
einem entschiedenen Ja beantworten und zwar
aus Schneiders innerstem Wesen heraus, das
eine so wundervolle Mischung von deutscher
Tüchtigkeit und ungeheurer slavisch-asiatischer
Urmutterkraft darstellt. Man betrachte ihn
einmal von diesem Gesichtspunkte aus! Man
denke daran, was sich jenseits unserer Orts-
grenze an Umwälzungen vollzogen hat, welche
Dämonen am Werke gewesen sind, ein altes
Rußland zu zertrümmern, welche Faktoren es
waren, die eben diesen Dämonen soviel schreck-
liche Macht verleihen konnten ? Tauchen dann

nicht aus Schneiders ersten Kartons die Droh-
und Mahngestalten plötzlich wie von Blitzlicht
erhellt vor unseren Augen auf und erscheint er
uns dann nicht wie ein neuer Seher.

Leider ist der Raum knapp bemessen! Es
heißt, nur andeuten. So denn zum Schluß: Er
soll gute Wünsche aussprechen, wie es die Sitte
und das Gefühl der Freundschaft heischen.

Sie sind kurz gefaßt: Gesundheit und Frische,
um dem riesigen Lebenswerke, das nun bis zum
Fries gediehen ist, die heißersehnte Krone der
Hellenenschönheit zu geben, Gesundheit für
tausend frohe Schaffensstunden und dann noch
eins: Wenn das Alter da ist und die Augen
müde geworden sind, die Freude eines Ob-
daches für all die vielen Kinder großen Wol-
lens, die nach würdiger Stelle in einem mäch-
tigen Tempel Sehnsucht tragen. Hardenberg.
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JOSEF HOFFMANNS 50. GEBURTSTAG

am 15. dezember 192O.

Ein Menschenalter lang steht der Name des
Architekten und Lehrers der Wiener Kunst-
gewerbeschule Regierungsrat Professor Josef
Hoffmann in der Reihe der Führenden im
Kampfe um die Veredelung und Durchgeistigung
der nationalen Werktätigkeit.

Als künstlerischer Leiter der „Wiener Werk-
stätte", als Anreger und Durchführer maß-
gebender Wiener Ausstellungen und repräsen-
tativer Ausstellungen der Wiener Kunst im
Auslande hat er dem Staate Österreich und
der Stadt Wien eine internationale künstlerische
Bedeutung zu schaffen gewußt. Einem Staat
und einer Stadt, die trotz ihrer reichen kul-
turellen Tradition nicht vermochten, ihr geistiges
Leben so im Einklang mit den Forderungen der
Zeit zu erhalten, daß ihr gesellschaftliches Leben
den Zusammenhang bewahrt hätte.

Es sind demnach auch die äußeren Ehrungen
seines Lebenswerkes, bestehend in der Ver-
leihung einer Professur an der Wiener Kunst-
gewerbeschule und in der Verleihung des Regie-
rungsrates-Titels alter Ära, keine ausreichende
Genugtuung für einen Mann, der im Stande
war, auf diesem, in unfruchtbaren Widersprüchen
zermürbten Boden sein Werk zum Siege zu
führen, der durch die künstlerische Ausbildung
einer begabten Schülerzahl sein Wirken weit-
reichend zu vervielfältigen wußte, und dessen
Sinn einzig auf Wirken und Schaffen gerichtet ist.

Josef Hoffmann steht im Zenit seiner Ar-
beitskraft. Hoffentlich besinnt sich seine der
schaffenden Kräfte zum äußersten bedürftige
Heimat jetzt des hervorragenden Künstlers.
Nicht nur die neuen Lebensbedingungen, auch
die tatfrohe Jugend fordern es! — l. Steinmetz.

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