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Ness, Wolfgang
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 2): Stadt Hannover — Braunschweig, 1985

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https://doi.org/10.11588/diglit.44415#0142

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Siedlung nach Limmer erfolgen, an der Fösse
- wie heute - Grünanlagen umfassend. Das
städtebauliche Zentrum der Gesamtplanung
bildete der vergrößerte Bethlehemplatz, auf
den sich - außer acht weiteren Straßen - von
Westen eine breite Achse ausrichtete -, de-
ren Blickpunkt und Ziel die (heute „falsch
orientierte“) Westfassade der Kirche bilden
sollte.
Der Kirchbau war als repräsentative Domi-
nante im Stadtbild gedacht, die er für die west-
liche Stadtsilhouette tatsächlich darstellt. Als
Bezugspunkt für das Straßenraster büßte er
seine Funktion allerdings durch die spätere
Entwicklung ein, denn nachdem etwa 1910
der östliche Abschnitt mit Ausnahme der Häu-
ser an der Windheimstraße und Bethlehem-
platz 7,8 fertiggestellt war, stockten die Arbei-
ten. Zwischen den Weltkriegen schloß man
zunächst die Lücken und wandte sich der
Neuplanung und Bebauung des südlichen Ab-
schnitts (s.o.) zu. Gleichzeitig beschäftigte
sich die nun in Hannover liegende Stadtpla-
nung mit der Besiedlung des Fössefeldes in
Limmer, der dazwischenliegende Bereich
blieb ausgespart. Durch die Anlage des West-
schnellwegs nach dem Zweiten Weltkrieg

Bethlehemplatz la, 1, Bethlehemkirche mit Pfarr-
haus, 1904/06,1914/15, Architekt K. Mohrmann


wurde die ursprüngliche Planung endgültig
gekappt, der Platz blieb unvollendet, und die
wichtige Westachse fehlt heute. Diese Ent-
wicklung erklärt die Form des Bethlehemplat-
zes und die Lage der Gemeindekirche an der
Peripherie der Lindener Nordstadt.
Bethlehemkirche und Gemeindehaus
Seit etwa 1890 stand die Gründung einer
evangelisch-lutherischen Gemeinde in der
Lindener Nordstadt an; ab 1897 hielt man Got-
tesdienst in der Aula der heutigen Albert-
Schweitzer-Schule. Etwa gleichzeitig entwik-
kelte das Stadtbauamt die oben beschriebene
Planung mit dem Kirchenbau als Mittelpunkt,
für dessen repräsentative Gestaltung der
Westfassade der Magistrat finanzielle Mittel
zur Verfügung stellte. Die Entwürfe für den
Komplex, der das Gotteshaus und ein Ge-
meindezentrum umfaßte, lieferte K. Mohr-
mann. Die Ausführung erfolgte 1904/06 (Kir-
che) und 1914/15 (Gemeindehaus).
In der Mitte des Platzes steht die geostete Kir-
che. Das Pfarrhaus liegt südlich parallel zur
Kirche und ist über einen niederigeren Trakt
(Gemeindesaal) an die Sakristei angeschlos-

Bethlehemplatz7/8, Wohnhaus, 1930


sen. Nach Westen begrenzt den dazwischen-
liegenden Hof eine mannshohe Mauer. An-
klänge zu Klosteranlagen waren bei diesem
Entwurf gewollt (Mohrmann: „kreuzgangar-
tig“), wie auch die romanisierende Bauplastik
und Architekturformen an Mittelalterliches
(12., 13. Jh.) anknüpften. Zu diesem Eindruck
trägt nicht zuletzt das Material (heller Kalk-
stein, roter Sandstein) bei.
Die Kirche ist auf kreuzförmigem Grundriß als
zweijochige rippengewölbte Emporenbasilika
mit schmalen Seitenschiffen und relativ knap-
pen, ebenfalls mit Emporen ausgestatteten
Querschiffen erbaut. Um den kurzen, rechtek-
kigen Chor gruppieren sich annexartig ein
Umgang, symmetrisch Treppentürme und Ne-
benräume. Vor dem Langhaus liegt eine Vor-
halle zwischen Stiegenhäusern, darüber er-
hebt sich die breite massige Turmfassade, die
gestuft in drei achteckigen kupferbeschlage-
nen Helmen endet.
Die Wandgliederung des vielteiligen Baukör-
pers erfolgt durch Oculi, Rundbogen- und
Radfenster, Rundbogenfriese unter den Trau-
fen z.T. in Verbindung mit Lisenen, Blendbö-
gen in den Giebeln, Blendgalerien an den Sei-
tenschiffen. Die Gestaltung der Westfassade
beschränkt sich auf wenige große Formen
(Radfenster, Schallöffnungen), wobei beson-
dere Sorgfalt auf der Ausarbeitung des Stu-
fenportals mit seinem goldgrundigen Mosaik
(Anbetung der Könige) im Tympanon und der
seitlichen Anbindung durch galerieartig ange-
ordnete Figurennischen (vier Propheten und
vier Apostel) lag. Ursprünglich zeigte der In-
nenraum reiche Ausmalungen, die durch die
Instandsetzung nach dem Kriege ver-
schwand. Ansonsten hat sich die Gesamtan-
lage einschließlich großer Teile der Innenein-
richtung gut erhalten.
Die Randbebauung des Bethlehemplatzes
wurde erst 1909 begonnen. Für die aus vier
Eckgrundstücken unterschiedlichen Zu-
schnitts bestehende Ostfront (Nr. 2/3, 4/5 -
dieses heute ein Nachkriegsersatzbau) ließ
der Lindener Magistrat von C. Arend Entwürfe
anfertigen, deren Hauptmerkmale Einheitlich-
keit und Symmetrie sind. Bemerkenswert ist
die großzügige Gliederung der Fassade in ho-
he Sockelzone, Hauptgeschoß (durch Bin-
nengliederung zusammengezogenes zweites
und drittes Geschoß) und „Attika“ (viertes Ge-
schoß), wobei sich die verschiedenen „Zo-
nen“ durch senkrechte Elemente und Putz-
struktur verzahnen. Die monumentale Auffas-
sung unterstreichen die schweren, runden
Ecktürme, die den Anschluß zur Front der ein-
mündenden Straßen herstellen. Der applizier-
te Putzdekor bedient sich zitatartig histori-
scher Stile (Romanik, Barock). Diese Anre-
gung ist auch an dem nordöstlichen Eckhaus
(Bethlehemplatz 6) spürbar, es ist einer goti-
schen Palastfront nachempfunden. Auffällig
die differenzierte Dachlandschaft und die Aus-
bildung der Ecke mit spitzem Giebel und
Türmchenzier.
Die Nordfront des Platzes zwischen Wind-
heim- und Comeniusstraße (Bethlehemplatz
7/8) wurde erst 1930 durch ein symmetrisch
gestaltetes „Doppelhaus“ geschlossen. Es ist
ein viergeschossiges Wohngebäude mit fla-
chem Walmdach. Die typischen Gliederungs-

Bethlehemstraße, Blick nach Osten


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