Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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ſehen, - er hatte ſie aufgeſucht. Und als er die
Mutter gefunden, als er in ihrem Blicke Vergebung
geleſen, an ihrer Bruſt geruht, da ſchmolz das erſtarrte
Herz, und er weinte wie ein Kind. Seine Seele ſchüt-
telte gleichſam die dazwiſchen liegenden Zeiten ab und
fühlte ſich zurück in die Zeit, wo er, in unſchuldigem
Frieden, außerhalb dieſer Wände nichts kannte. Aber
die Erinnerung kehrte wieder, er ſeufzte tief, rang die
Hände und ſchlug ſich an die Bruſt. Aber ſie löſ'te
ſanft die krampfhaft zuſammengepreßten Finger von
einander, trocknete ſeine ſeuchte Stirn und lehnte ſein
Haupt an ihr Herz. Vielleicht war ſie ſich ſelbſt nicht
aller der liebevollen, tröſtenden Worte bewußt, die von
ihren Lippen floſſen, wie ein Wiegengeſang ſeiner Lei-
den; aber nach und nach hatte ſie den Troſt, ihn ſchluch-
zen zu hören, ſein Auge ſucht ihr Auge, ſeine Arme
drückten ſie an ſeine Bruſt, und der Ausdruck in ſei-
nem Geſicht hatte ſich aus einem Fluch in einen Se-
gen oerwandelt. Ta wagte ſie es, von einem tugend-
haften Leben, von einer Verſöhnung zu ihm zu reden.
"Gedenke, Mutter! Deiner eignen Worte!" unter-
brach er ſie wild, "die Menſchen laſſen ſich nie ver-
ſöhnen, eine ſchlechte That läßt ſich nie wieder gut
machen, - und ich - mit Schande bedeckt, gebrand-
markt für ewig - o!"

ſich wieder an ihre Bruſt; "Du allein biſt mir noch
hier auf Erden geblieben!
Und nun lamen die Tage der Arbeit, und die
waren ſchwer und mühſelig. Der Blick der Menſchen
war ihm verhaßt, und was war ihm die Arbeit? Eine
traurige, ermüdende Anwendung der Zeit, die zwar
einen geringen Vortheil brachte, aber weder Verdienſt
in den Augen Anderer, noch die verlorene Ehre wie-
der gab. Bisweilen kam er verzweifelt, müde, hoff-
nungslos heim zu ihr, die Alles mit ihm trug; wie
viele Geduld, Nachſicht, Milde, kurz wie viele Mutter-
liebe gehörte dazu, um die Verzagtheit in Muth, die
Hoffnungsloſigkeit in Vertrauen, die Verzweiflung in
Thränen und den Lebensüberdruß in einen beruhigen-
den Blick auf das Grab zu verwandeln. Und dazu
noch die bange Furcht, daß er einen unheilbringenden
Entſchluß faſſen möchte, der das begonnene Werk wie-
der der Vernichtung anheimfallen ließe; mit bebendem
Herzen lauſchte ſie in den langen Nächten ſeinen raſt-
loſen Schritten; ängſtlich erwartete ſie, wenn er fern
von ihr war, den Augenblick der Rückkehr; ihr ganzes
Leben ging in ſeinem Leben auf, ſie ſelbſt war de
Verbrecher, der reuevolle, verzweifelte Verbrecher, deſ-
ſen Schritte ſie bewachte.
Es wurde faſt ruhig in ihrem Herzen, als er hin-
ſank aufs Krankenlager; was waren die körperlichen
Leiden gegen den nagenden Schmerz der Seele? Und
er ſelbſt wurde ruhiger, als er fühlte, daß die Rech-
nung mit der Welt abgeſchloſſen war, er wurde matter,
ſtiller, ſanfter. Es war ihm, als kehrten ihm die
Jahre der Kindheit wieder, da ſie, die Mutter, ihm
Eins und Alles war. Sein Blick folgte ihr überall,
ſeine Stimme rief ſie, wenn ſie von ihm ging, ſein
Lächeln grüßte ſie, wenn ſie kam. Dieſer Schimmer
von Glück erquickte das gequälte Mutterherz; aber ſie
durfte nicht um ſein Leben bitten; daß es ſein Sterbe-
lager war, das war es ja eigentlich, was dieſes Glück
heryorbrachte. Aber wie wachte ſie über ihn, wie hü-
tete ſie ſeinen Schlummer, wie prägte ſie ſich jeden
ſeiner Züge ein! Sie ſah nicht die fahle, bleiche
Wange, die hohlen Augen, die eingefallene Stirn; für
ſie war kein Unterſchied zwiſchen dieſen Zügen und
dem Geſichte das zu ihren Füßen geſpielt hatte. Die
Jahre, das war das Ganze, - ſonſt war ihr Alles
wie früher. Und da die letzten Segenswünſche auf
ſeinen Lippen verſtummt waren, da ſank fie zuſammen,
wie vom Hauche des Todes berührt, - ihr Tagewerk
war vollbracht. Nur eine Pflicht noch hatte ſie zu
erfüllen; ſie führte die Kinder zu ſeinem Grabe und
ſprach mit ihnen von dem geſtorbenen Vater, erzählte
ihnen von ſeinem Verbrechen und von ſeiner Wieder-
kehr zum Guten, - und dann ging ſie heim, eine einſame
Wittwe, eine kinderloſe Mutter, eine Dienerin, die
ihr Werk vollbracht hat.

"Ja, gedenke meiner Worte!" erwiderte ſie; "die
Menſchen laſſen ſich nie verſöhnen, aber Gott kann
vergeben. Jch weiß es wohl, daß ein Leben in Schande
ſchrecklich zu ertragen iſt; aber wer irre gegangen, muß
mühſam den rechten Pfad wiederzufinden ſuchen. Aber
willſt Du denn Nichts Gottes wegen thun? Willſt Du
nicht der Sünder ſein, worüber Freude im Himmel
iſt? Komm, mein Sohn, laß uns arbeiten; der Ver-
dienſt iſt hier nicht Geld und Ehre, nein, wir ſelbſt
ſind es, die wir uns wieder gewinnen ſollen. Jn der
Arbeit liegt viel, - Zufriedenheit und Seeligkeit, ja
ein großer Segen für die Seele liegt darin; wir wol-
len arbeiten."

"Ja, arbeiten", wiederholte er finſter, "wer würde
mir Arbeit anvertrauen wollen?"
"Jch will Dein Bürge ſein," antwortete ſie, "und
Niemand wird Dir Arbeit verweigern. Wenn Du
verzagen willſt, bin ich bei Dir; ich werde Gattin,
Kinder, Alles für Dich ſein!"
"Meine Frau", ſagte er zögernd, "ſie will mich
nicht mehr anerkennen; ſie hat ſich von mir ſcheiden
laſſen, hat mir meinen entehrten Namen zurück ge-
geben."

"Die Schande des Mannes fällt ſchwer auf die
Gattin!" ſagte die Mutter mit abgewandtem Ceſicht.
"Und meine Kinder!" fuhr er fort, "ja meine
Kinder." und ein Ausbruch des Schmerzes begleitete
dieſe Worte; "o, was habe ich gethan! Mutter! kann
ich ſie nie mehr wiederſehen?"
"Ja, mit Gottes Hilfe!" antwortete ſie und blickte
gen Himmel; aber es lag Etwas in ihrer Stimme,
das den Sohn mit Verzweiflung traf.
"Jch verſtehe Dich, Mutter!" flüſterte er und warf
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