Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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Nr. 9.

Mittwoch, den 8. Juli 1868.

1. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 1 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Untereſtr. 9
und bei den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Das Bekenntniß auf dem Todtenbette.

Aus den hinterlaſſenen Papieren eines ehemaligen Wundarztes

nes oft zu beredt von dem Laſter in allen Schrecken
ſeiner ſchaudererregenden Einzelnheiten. Jch habe oft
bemerkt, daß bei ſolchen Seenen die Wahrheit eine ſon-
derbarere Geſtalt als die Erdichtung hatte.
Einige von ſolchen Gründen haben mich veran-
laßt, folgende Erinnerung niederzuſchreiben.
Der Anfang der Ausübung meines Berufes war
von einem Umſtande begleitet, der, mindeſtens geſagt,
nicht wenig ſonderbar war. Es iſt jetzt fünfundzwan-
zig Jahre her, daß ich meine Praxis in der heutzutage
überfüllten Hauptſtadt London begann. Das erſte
Haus, welches ich bewohnte, war in einem, meinem
geringen Vermögen angemeſſenen Style und lag in
einem Durchgange, der aus der Oxfordſtraße führte.
Da ich nur wenige Freunde beſaß und dieſe größten-
theils auf dem Lande wohnten, zugleich aber auch, bis
ſich mir ein größerer Wirkungskreis eröffnete, nur
über ein geringes Vermögen zu verfügen hatte, ſo
ſpornte mich dieſes in meinen Bemühungen an, Praxis
zu erlangen; aber trotz aller Anſtrengungen wollte es
mir doch nicht recht gelingen. Jch fühlte mich ſelbſt
unter einer Art Bann, welcher die blos mäßige Ge-
ſchicklichkeit, die ich, wie ich mir ſelbſt bewußt war,
nur beſaß, unbekannt bleiben ließ. Täglich, ja ſtünd-
lich, wo ich vergeblich Beſchäftigung hoffte und ſuchte
und wo mein Kapital allmälig abnahm, hatte ich die
Kränkung, einzuſehen, daß meine Umſtände mich in
alle Schrecken der Armuth zu ſtürzen drohten.
Wäre ich ein einzelner Mann geweſen, ſo hätte
ich mein Mißgeſchick vielleicht mit Ergebung ertragen;
aber es waren noch zwei Weſen da, deren Unterhalt
gänzlich von mir abhängig war - eine junge Frau
und ein Säugling an ihrer Bruſt.
An einem trüben Decemberabend beklagten wir,
meine Frau und ich, unſere traurigen Umſtände. Das
Theegeſchirr war gerade weggeräumt, und wir ſaßen
in dem kleinen Zimmer, welches an meine enge und
ſelten beſuchte Badſtube grenzte. Als ich nun einen
Augenblick über die Schrecken, an den Bettelſtab zu
gerathen, nachgeſonnen hatte, brach ich in einige ſtarke
Aeußerungen des Mißvergnügens aus, welche, um ſie
ganz zu unterdrücken, ich nicht Philoſoph genug war,
während mein Engel von Weib ſich bemühte, die Auf-
regung in meinem Jnnern mit der erſten und letzten
Tröſtung der Unglücklichen - der Hoffnung - zu
beſänftigen. Jch hatte von meinem Wechsler meine
letzten zwanzig Pfund in der vergangenen Woche auf-
genommen, und nur der Himmel konnte wiſſen, woher
ich, wenn dieſe aufgezehrt waren, neuen Vorrath nehmen

Jch habe oft gedacht, daß kein Geſchäft ſo ſehr mit
den menſchlichen körperlichen und geiſtigen Leiden in
allen ihren verſchiedenen und charakteriſtiſchen Schat-
tirungen zwiſchen Leben und Tod ſo vertraut wird,
als das eines Wundarztes und überhaupt eines prak-
tiſchen Arztes. Der Himmel weiß es, daß ein An-
walt in ſeinem Geſchäftskreiſe ſattſam mit dem Elende
bekannt wird. Es mag nun ſeine ſtrenge Pflicht ſein,
der ſich vor Schmerz krümmenden Hand der Armuth
den letzten Schilling zu entwinden; er mag eine ge-
richtliche Execution auszuführen haben, und mitten un-
ter dem Wehklagen einer zu Grunde gerichteten Fa-
milie, ihnen von ſeinem Gefährten, dem Pfänder,
ſelbſt ihren Haushalt entreißen ſehen - indem er
einen vielleicht früher freundlichen und glücklichen Heerd
verödet hinterläßt, oder er mag auch einem Schuldner,
von dem keine Bezahlung zu hoffen iſt zu dem Elende
eines lebenslänglichen Gefängniſſes zu verurtheilen
haben; ſo gehört doch der traurige Schluß - die letz-
ten Schrecken des Daſeins, welche das dunkle Vorge-
fühl der Ewigkeit begrenzen - das Todtbett - mit
Recht uns und Denjenigen, deren heiliges Amt, im
Namen des gütigen Erlöſers, der reuigen und dem
Leibe entfliehenden Seele den tröſtenden Balſam des
Friedens reicht.
Der Reiche, der Arme, der Ehrenwerthe und Ehr-
loſe in allen Schattirungen der Umſtände und des
Charakters, Alle nehmen ihre Zuflucht zu dem Heil-
künſtler, um die Früchte ſeines Studiums zu genießen,
um jenen Feind der Geſundheit und der Freude, die
zerſtörende Krankheit, mit ſeinem Hyderhaupte zu ver-
treiben. Jn dem Krankenzimmer und am Rande des
Grabes enthüllen die ereignißvollen Seiten im Buche
des Lebens bei der Dämmerung des frühen Morgens
oder bei dem glänzenden Lichte des Tages, das durch
die halbgeſchloſſenen Vorhänge dringt, oder in der noch
feierlicheren Mitternachtsſtunde, wo die halbe Welt in
tiefen Schlummer eingewiegt iſt, uns oftmals ſonder-
bare und erſchreckende Scenen; - wenn die in dem
Leidenden vereinigte Angſt des Körpers und der Seele
die Maske des verewigten Lebens abgeworfen hat. Dann
ſpricht der nun an den Pforten der Ewigkeit ſich be-
findende Geiſt, in dem Gemurmel eines unterbrochenen
Schlafes, in dem plötzlichen Zuſammenfahren und den
Ausrufungen, oder ſelbſt in dem Raſen des Wahnſin-
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