Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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elelbeſe glllaſl.


Nr. S1.

Mittwoch, den 23. September 1868.

1. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 2 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Untereſtr. 9
und bei den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Jm Zuchthauſe.
Erzählung aus der Wirklichkeit von W. Wauer

nicht ſehr kräftigen Körpers. Der Oberinſpektor ſah
dies ſehr wohl, obgleich Michael, ſeit er dieſes Haus
betreten, noch nie Roſalinens Namen genannt hatte,
auch nie von ſeiner zerſtörten Zukunft ſprach. Durch
ſtete geiſtige Beſchäftigung am Tage, durch anregende
Unterhaltung am Abend ſuchte er ihn fern zu halten
von troſtloſen Grübeleien, aber die Stunden der Nacht
bewirkten die Zerſtörung von Michael's Geſundheit.
"Wenn Du Abends in den Schlafſaal kommſt, lie-
gen da ſchon Alle im Schlaf oder wachen ſie noch?"
fragte Norrmann eines Tages.
Michael ſah ihn mit ſeinen großen blauen Augen
bittend und fragend an.
"Antworte mir nur der Wahrheit gemäß, es ſoll
Niemand zum Nachtheil gereichen."
"Nein, Herr, ſie ſchlafen nicht," entgegnete Mi-
chailowitſch, "ſie erzählen ſich noch lange gegenſeitig
ihre Abenteuer aus vergangenen Tagen."
"Und dieſe ſind wohl nicht unintereſſant?" fragte
Norrmann.

(Fortſetzung.)
Eines Tages aber, als ſie das Buch, aus wel-
chem ſie überſetzen ſollte, heftig zuſchlug und auf den
Tiſch warf, ſagte Michailowitſch leiſe und traurig:
"Sie ſollten großmüthiger gegen mich ſein, Anto-
nie, es iſt nicht edel von Jhnen, einen Menſchen zu
mißhandeln, der ſich nicht vertheidigen darf."
Noch nie hatte er ſie Antonie genannt; dies und
ſein weicher, klagender Ton rührte ſie; eben wollte ſie
ihn um Vergebung bitten, als der Vater, der unbemerkt
Zeuge dieſer Scene geweſen, ihr zurief:
"Komm herunter, Antonie!"
Antonie erſchra, gehorchte aber ſofort. Mit einer
ganz unzweideutigen, drohenden Geberde kam der Va-
ter auf ſie zu, ſie aber umſchlang ihn mit ihren Ar-
men:

"Bitte, bitte! Jch thu' es niemals wieder!" rief
ſie. "Jch will ihn auch um Verzeihung bitten, Vater!
Gewiß, ich wollt' es eben thun, als Sie mich riefen."
"Es ſollte Dir nicht ſo hingehen," ſagte der Va-
ter ſehr ſtrenge. "Doch laß mich's nur noch einmal
hören!"

"Nein, nein, Väterchen!"
"Jezt geh' hinauf und bitt' ihn um Vergebung.
Sie ging hinauf.
"Lieber Michailowitſch," ſagte ſie bittend, "nicht
nur weil der Vater mich ſtrafen würde, ſondern aus
wirklicher Reue bitt' ich Sie, mir zu verzeihen; ich
verſpreche Jhnen, nie mehr ſo heftig zu ſein."
"Das wird mich um Jhret willen freuen, liebes
Fräulein," entgegnete Michael ſanft. "Heftigkeit iſt
unweiblich und Unweiblichkeit ſo häßlich aneiner Frau."
"Jch werde gewiß nie wieder unweiblich ſein,"
rief ſie in Thränen ausbrechend, und von dieſem Tage
an war Antonie ſanfter und folgſamer in den Lehr-
ſtunden.

"Jch weiß es nicht, lieber Herr.
"Du weißt es nicht? Schlafſt Du ſo ſchnell ein
daß Du nichts davon hörſt?"
"Einſchlafen? Ach nein, ſo gut wird es mir nicht!"
entgegnete Michael ſeufzend. Aber ich ziehe mir die
Decke über den Kopf und überlaſſe mich meinen Ge-
danken, bis es ſtill wird im Saale."
"Das ſollſt Du nicht, Michael," ſagte der Ober-
inſpektor, "ich ſehe die Folgen dieſer Gedanken in Dei-
nem bleichen Antlitz, in Deiner verfallenen Geſtalt.
Du haſt kein Recht, Dich um Geſundheit und Leben zu
bringen. Du wirſt daher, wenn Du mich liebſt, an
dieſen Geſprächen Theil nehmen, wirſt die Männer
dahin bringen, Dir einer nach dem andern die Veran-
laſſung zu erzählen, welche ihn hierher brachte. Dann
ordne in Deinem Kopfe die Sache, wie ſie von pſycho-
logiſcher Seite aufzufaſſen und darzuſtellen, ſo daß Du
mir am andern Morgen Beſcheid darüber geben kannſt.
Ueberraſcht Dich aber der Schlaf dabei, ſo wehre ihm
nicht! Jch denke, wir wollen ein Werk herausgeben,
das eine Reihe ſolcher pſychologiſch erörterter Fälle
bringen ſoll. Willſt Du das?"
"Jch habe nichts zu wollen, Herr," erwiederte
Michailowitſch ſich verneigend.
Curt ſetzte ſeine Taſſe ziemlich unſanft auf den
Tiſch, trat an das Pult, wo Jener ſchon, ſeiner An-
ordnungen harrend, ſtand, und ſagte mit kurzem, rauhem
Tone:

War nun auch durch Norrmann das Schickſal des
Gefangenen unendlich gemildert und trug er, was zu
tragen blieb, mit Geduld und unerſchütterlicher Sanft-
muth, ſo nagte doch der Gram der glühenden Liebe
zu Roſalinen und der Schmerz um ſein zerſtörtes Le-
ben an ſeinem Herzen. Sie raubten ihm die Ruhe
der Nächte, die letzte Spur von Farbe auf ſeinen Wan-
gen und untergruben die Geſundheit ſeines ohnehin
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