Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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eielherger ollshiut.

Nr. 7

Mittwoch, den 1. Juli 1868.

. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Untereſtr.
und bei den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

mein Herr und Kurfürſt, der auch ein eigenes Tage-
buch führte*), mich ſo lieb gewann, daß ich Tag und
Nacht bis zu ſeinem Tode, beinahe nie von ſeiner Seite
durfte.

Das Erdmännlein,
oder:
Der handſchuh der Kurfürſtin.
Hiſtoriſche Novelle aus den Zeiten des dreißigjährigen Kriegs.
(Fortſetzung)
Nun, beſter Meiſter Klaus, erzählt unſeren Frenn-
den die Geſchichte mit dem Handſchuh der Kurfürſtin,
ſo wie auch etwas aus Eurem Leben. "Recht gerne,"
erwiderte Jener und begann wie folgt: "Die Geſchichte
des Handſchuhs den ich hier als eine heilige Reliquie
ſo lange trage, bis es mein Schickſal erlaubt ihn an
ſeine Beſtimmung zu bringen, iſt hiſtoriſch intereſſant;
doch mein eigenes Leben bietet wenig dergleichen Stoff,
wiewohl ich eine traurig-intereſſante Zeit durchlebt
und mit den merkwürdigſten Menſchen derſelben in Be-
rührung kam.
Jch bin der älteſte Sohn begüterter Eltern aus
Heidelberg, doch meine zwerghafte Mißgeſtalt machte
mich ſchon in früheſter Jngend zum Geſpötte meiner
Kameraden, und ſelbſt meine ltern zogen meine ſchön
geſtalteten Geſchwiſter mir vor und ſchämten ſich meiner,
was mich beinahe menſchenſcheu machte, denn überall,
wo ich mich ſehen ließ, liefen mir die Kinder nach und
deuteten mit Fingern auf mich.
Hatte auch die Natur meine Aeußerung vernach-
läſſigt, ſo danke ich doch jetzt noch Gott, daß er, ſtatt
über dieſen allgemeinen Spott mein Herz boshaft, das-
ſelbe für alles Gute und Edle empfänglich ſchuf.
Jch zog mich zurück und weihte mein Leben den
Wiſſenſchaften, in welcher ich nicht unbedeutende Fort-
ſchritte machte, ſo daß meine Arbeiten die Augen der
Profeſſoren auf mich zogen. Es wurde mir der An-
trag durch den würdigen Rath Freher*), an den
Hof Friedrichs V., Kurfürſt von der Pfalz, als luſti-
ger Rath, oder beſſer geſagt Hofnarr mit anſehnlichem
Gehalt zu gehen. - Meine Mißgeſtalt verſchloß mir
alle anderen Stellen und wie wohl mein Geiſt und
Herz ſich dagegen ſträubte, den Schalksnarren zu ſpie-
len, ſo dachte ich, daß dieſe Stellung es erlaubte, un-
ter dem Paniere der Schellenkappe dem Fürſten Wahr-
heiten zu ſagen, welche ihm von den Höflingen nur zu
oft fern gehalten werden, wodurch ich auch als Hof-
narr dem Lande Gutes zu thun im Stande ſein würde;
ſo entſchloß ich mich denn nach hartem Kampfe endlich
dazu, und trat meinen Wirkungskreis auch ſo an, daß

Er ſtarb, als ſein Nachfolger, Friedrich V., noch
unmündig war; nach deſſen Mündigſprechung wurde
ich bei demſelben, was ich bei deſſen Vater war, -
Hofnarr. Als der jugendliche Fürſt ſich mit der
engliſchen Prinzeſſin Eliſabeth vermählte, da reihte ſich
Feſt an Feſt und Heidelberg ſah nie früher in ſeinem
herrlichen Schloſſe eine größere Pracht ſich entfalten.
Abgründe wurden ausgefüllt, Felſen geſprenat und ab-
getragen und herrliche Gärten und Waſſerwerke durch
den geſchickten Hofbaumeiſter Salomon de Cauß er-
baut. Da lernte ich den jugendlichen Herzog von
Braunſchweig kennen, welcher nur wenig älter als mein
Fürſt war, und einige Zeit an dem glänzenden Hofe
zu Heidelberg zubrachte. - Hier war es einſt, wo ich
in einem Erker des von meinem Herrn erbauten gro-
ßen Altans ſaß und in die ſchöne Landſchaſt hinaus
ſchaute, da kam die engelſchöne junge Kurfürſtin in
heiterem Geſpräche mit Herzoge Chriſtian. Sie traten
vor das Geländer des Altans, hier deutete die Kur-
fürſtin auf die Umgegend, welche ſie dem Horzog be-
nannte und dann die Hand nachläſſig auf das Gelän-
der legte, wobei ihr der Handſchuh auf den unter dem
Altan liegenden Raſenplatz - die kleine Batterie, jetzt
Altangarten benaunt -fiel, was aber nur dadurch geſchah,
weil ſich der Herzog die Freiheit erlauben wollte, die
ſchöne Hand der hohen Dame zu küſſen, wobe ſie mit
derſelben den Handſchuh hinabfallen ließ. - Der Herzog
ſtieg ſchnell über das Geländer, hob ſich an den Spa-
lierbäumen und ſprang in die Tiefe, wo er den Hand-
ſchuh aufhob und den gewöhnlichen Weg wieder em-
porſtieg, den Handſchuh aber unter das ſammtne Wamms
verbarg. Wie ich in dem einen Erter, ſo ſaß der Kur-
fürſt Friedrich zufällig in dem andern Erker des Al-
tans und ſah den ganzen Auftritt mit an; die Kur-
fürſtin, als ſie ſah, daß der junge Fürſt von ſeinem
kühnen Sprung wieder unbeſchädigt auf dem Altan
erſchien, entfernte ſich erröthend, doch der Kurſürſt
trat aus dem Erker und rief ſcherzhaft mit dem Fin-
ger drohend: "Vetter! Veter! ich könnte eiferſüchtig
werden, warum habt Jhr den Handſchuh nicht meiner
Gemahlin gereicht, ſondern im Wamms verborgen?" -
"Darum, durchlauchtigſter Kurfürſt und Vetter, weil ich

*) Rath Freher war ein tüchtiger Geſchichtner, deſſen Schriſten
von allen ſpäteren Hiſtorikern als Quellen benutzt werden.

*) Dieſes eigenhändig von Friedrich JV geſchriebene Tagebuch
enthält manchen originellen Einfall dieſes Fürſten und iſt noch auf
der Univerſitäs-Bibliothek aufbewahrt.
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