Heidelberger Volksblatt — 1.1868

Page: 41
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdvb1868/0045
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
s ae aas Mz "ea
Fklli' -köylal.

Nr. 11.

Mittwoch, den 15. Juli 1868.

1. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 2 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Untereſtr. 9
und bei den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Jch ſtand einen Augenblick an, ihm meine Gründe
zu bekennen.
"O ich kenne den Stolz eines graduirten Mannes!
Auch ich war einſt ein Arzt - arm. Wäre ich es doch
geblieben; aber die Verſuchung kam wie der böſe
Feind, und mit ihr die Gelegenheit, - und ein langes
Leben von Qual ging daraus hervor." Der bewegte
alte Mann bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. Jch
war gerührt.
"Sie werden ſagen, dies ſei Schwäche," fuhr er
fort, "doch wenn Sie alles wüßten, ſo würden Sie ſich
nicht über die Zerknirſchung eines reuigen Herzens
wundern.

Das Bekenntniß auf dem Todtenbette.
Aus den hinterlaſſenen Papieren eines ehemaligen Wundarztes
(Fortſetzung)
Drei Monate verfloſſen, ehe eine vollkommene
Heilung des Beinbruchs möglich war. Während die-
ſer Zeit hatte ich manche Veranlaſſung, den Charakter
des Mannes kennen zu lernen, deſſen ausgebreitete
Kenntniſſe und hohe Bildung ſeiner chriſtlichen Men-
ſchenliebe gleichkamen. Bei manchen Unterhaltungen,
die ich mit ihm führte, fand meine frühere Meinung
Beſtätigung, daß mein Patient von der Erinnerung
irgend einer jugendlichen Unbeſonnenheit oder Schuld
beunruhigt werde, die, ſo ſchien es mir, ſein zu em-
pfindſames Gemüth glaube, daß ſie ſelbſt nicht in je-
ner Welt, wo doch die Qual des Böſen aufhört und
die Müden der Ruhe ſich erfreuen, gebüßt werden könne.
Jch wurde jetzt bei hundert Handlungen, die aus dem
reinſten Wohlwollen herfloſſen, der Vertraute des alten
gütigen Herrn. Ein zweiter Howard, fand ich, daß
er ſich angelegen ſein ließ, Unglückliche und Beküm-
merte zu tröſten -
"Thue Gutes im Stillen, daß die Welt
es nicht ſieht!"
Meine eigene Angelegenheit war indeß, wiewohl
ſich auf Empſehlung der Madame Smith einige Pa-
tienten an mich gewendet hatten, ſo bedenklich gewor-
den, daß ich ſie nicht länger verbergen konnte. Einige
Tage nach der Entfernnng meines Patienten befand
ich mich wirklich in einer drückenden und quälenden
Lage.

Die Aehnlichkeit Jhrer Lage mit meinem erſten Auf-
treten in der Welt, hat alle meine Gefühle aufgeregt.
Jch bete zum Himmel, daß Sie die verhängnißvolle
Klippe vermeiden mögen, woran meine Hoffnung zum
ewigen Glück zertrümmerte. Doch kommen Sie, geben
Sie mir Feder und Dinte, aus Jhrer Verlegenheit
wird mir wenigſtens ein Augenblick der Freude erblühen."
Schnell ſchrieb er mir eine Anweiſung von zweihundert
Pfund.

Ein ſo unerwartetes bedeutendes Geſchenk raubte
mir anfänglich die Macht, dafür zu danken, und ich
zögerte, eine Summe anzunehmen, auf deren vierten
Theil ich nicht gehofft hatte. Doch er beſtand darauf
in ſeiner gewöhnlichen dringenden Weiſe, wenn es ſich
darum handelte, Jemand aus einer Geldverlegenheit
zu ziehen.
"Und warum ſollten Sie es nicht behalten?" fügte
er hinzu, "es iſt ehrenvoll in Jhrem Stande erworben.
Jch fühle mich in dieſem Augenblicke glücklicher, als
ich es ſeit 10 Jahren geweſen bin. Ach!" ſeufzte er
mit zum Himmel gerichteten Blicken, indem helle Thrä-
nen über ſeine gefurchten Wangen floſſen, "ach, daß
in der Zeit meiner Noth mir Jemand ſo entgegenge-
treten wäre!" - und ſein Haupt ſank in ſeine Hände,
er ſchien verſunken in dem einen ſchrecklichen Gedanken,
der an ſeinem Leben nagte.
Als er mein Haus verließ, rief er: "Der Himmel
ſegne Sie! Sie haben mich glücklich gemacht, wenn
ich zu Jhrem Wohlergehen etwas beigetragen habe.
Mögen Sie in Verlegenheiten, im Unglück, im Elend
immer im Stande ſein, der Verſuchung zum Böſen zu
widerſtehen. Daß ich es nicht gethan habe, macht mich
elend, wie Sie ſehen. Wenn ich ruhiger geworden bin,
will ich wieder bei Jhnen vorſprechen."
Zwei Tage verfloſſen, und ich hörte Nichts von
Herrn Benfield. Am dritten erinnerte mich meine

Jch hatte kaum zwei Pfund im Hauſe, und mein
armes Weib war wirklich untröſtlich. Nachdem ich
Alles erwogen, fand ich nur ein Mittel, mir hinrei-
chend Geld zu verſchaffen, um meines Hauswirths For-
derung zu befriedigen. Jch entdeckte dem Herrn Ben-
field in einem Briefe meine augenblickliche Verlegen-
heit und bat ihn um Darlehn von zwanzig Pfund.
Dieſer Schritt verurſachte mir manche Unruhe; aber
indem ich noch ängſtlich einer Antwort entgegenſah,
kam Herr Benfield in einer Kutſche bei mir vorge-
fahren. Es fiei mir auf, daß er ungewöhnlich bleich
und verſtört ausſah. Jn aufgeregter, ja krampfhafter
Weiſe faßte er mich beim Arme und führte mich in
meine Studirſtube, deren Thür er ſogleich verſchloß.
"Wie war es doch möglich, daß ich das nicht be-
ſorgte?" ſagte er. "Sie ſind arm, Sie gebrauchen
Geld, ſind in Praxis und gebrauchen Geld; warum
haben Sie mir das nicht ſchon früher geſagt?"
loading ...