Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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Nr. 4.

Samſtag, den 20. Junt 1868.

1. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der. Druckerei, Untereſtr.
und be den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Das Erdmännlein
oder:
Der Handſchuh der urfürſtin
Hiſtoriſche Novelle aus den Zeiten des dreißigjährigen Kriegs.

tiger Greis bin, deſſen letzten Zufluchtsort, Vorlach, die
Fluthen des Rheins verſchlungen und der nur dieſer
armen Waiſe zum Schutze zu leben wünſcht. Jhr
ſcheint zu ſtaunen, in dem dürftigen Alten den ſonſt
weithin gebietenden Richter zu finden; glaubt mir
vielleicht nicht?"
"Doch, doch!" fiel der Benarbte ein, "ich erinnere
mich jetzt Eurer Geſichtszüge recht wohl; denn wir
kamen früher öfters zuſammen, als ich noch - doch
dieſes thut nichts zur Sache - Seid mir herzlich will-
kommen! Wie aber kommt Jhr von Germersheim,
wo wirklich die Spanier hauſen; denn ich weiß, Jhr
ſeid ein alter treuer Anhänger Friedrichs V., Eures
Herrn und Kurfürſten."
"Es freut mich von Euch gekannt zu ſein, wie-
wohl ich Euch nicht kenne. Auf die Frage, wie ich von
Germersheim gekommen, muß ich Euch berichten, daß
ich ſchon 1622 als Mansfeld Germersheim einnahm,
von demſelben liebreich behandelt, und von meinem
Herrn und Kurfürſten als auch er flüchtig dahin kam,
beſtens aufgenommen wurde; doch als Kaiſer Ferdinandll.
die untere Pfalz dem Erzherzog Albert gab, und als
dieſer bald darauf ſtarb, zog ſein Bruder, Erzherzog
Leopold, mit einem Heere vor Germersheim und die
Stadt mußte ſich demſelben nach harter Belagerung
ergeben. Schrecklich hauſten die Kroaten in der armen
Stadt. Was ſich nur mukste, wurde niedergeſtochen.
Männer und Weiber riſſen die Kleider vom Leibe, die
ſchönſten Mädchen wurden gebunden auf Wagen fort-
geſchleppt, oder an die Sattelknöpfe der Reiter gebun-
den und zu ſpäterer Schändung aufgeſpart; Matronen
und Greiſe gepeinigt um verborgene Schätze anzugeben
und als nichts mehr zu rauben war, wurde die Stadt
in Brand geſteckt! So hauſten Menſchen gegen Men-
ſchen, ja, was noch niehr ſagen will, Chriſten gegen
Chriſten! Jch litt Unſägliches und mußte mehrere
Tage ohne Nahrung, gebunden, dem ſchrecklichſten
Wetter preisgegeben, auf offner Straße liegen, und
erwartete jeden Augenblick von den um mich herum die
Schauder erregendſten Greuel vollbringenden Kroaten
getödtet zu werden, was wir jenesmal als eine Wohl-
that erſchiene wäre. Ein mitleidiger Landmann, Vol-
mar von Neuburg, dem Alles genommen und nur noch
ein menſchlich Herz geblieben war, entledigte mich mei-
ner Bande und floh mit mir aus der unglücklichen
Stadt, indem wir uns Nachts mit Lebensgefahr von
der Stadtmauer in den Graben ließen und von da
nach Vorlach flohen, wo mein Schwiegerſohn, der Frei-
herr v. Gemmingen ſich hingeflüchtet hatte. Das dor-

(Fortſetzung)
Da ertönte aus dem Walde der Schrei eines
Uhus, worauf der Letztere aufſprang und freudig rief:
"Endlich höre ich das Zeichen, ich hatte ſchon Angſt,
dem edlen Meiſter Klaus wäre ein Unfall begegnet;
worauf er aus einem Nebenverſchlag einen munteren
Knaben rief, welcher wie der gnomhafte Mann, den
wir weiter oben kennen gelernt, gekleidet, nur hatte
er ſtatt dem Schwerte einen Dolch und einen kleineren
Hut ohne Damenhandſchuh darauf. Beide erwiderten
das Zeichen und gingen dann eilig aus der Hütte; doch
der finſtere Mann veränderte ſeine Stellung nicht und
blieb in ſeinem düſteren Nachdenken verſunken.
Da öffnete ſich die Thüre und herein kam der
räthſelhafte kleine Mann mit dem durch ihn geretteten
Greiſe, der Jüngling mit dem unterdeſſen aus ihrer
Ohnmacht wieder erwachten Mädchen, welche alle drei
verbundene Augen hatten, dann folgte der Diener und
der Knabe. Ueberraſcht blickte der Benarbte die Ein-
tretenden an und ſprach mit beſorgter Miene: "Um
Gottes Willen, Meiſter Klaus, wen bringt Jhr hier
in unſere einſame Klauſe?" "Verzeiht, edler Freund,
es ſind Unglückliche, welche dieſer wackere Jüngling
und ich dem Waſſertode entriſſen, und da dieſes zarte
Mädchen ohnmächtg war, Niemand von dem gaffenden
Volke ſie aufnehmen wollte, ſondern angſtvoll davon
lief, da mußte ich ſchon der Menſchlichkeit das Opfer
bringen und ſie mit in unſere Behauſung nehmen.
Mit dieſen Worten nahm der als Meiſter Klaus
angeredete kleine Mann den zwei Geretteten und dem
Jünglinge die Binden von den Augen, und der Diener
und Knabe ſetzte ihnen Speiſe und Getränke vor, bei
welchen beſonders der Jüngling kräftig zuſprach.
"Wer ſeid Jhr?" frug der Benarbte den Greis.
"Wer ich bin?" antwortete derſelbe, "ein armer, un-
glücklicher, verfolgter Mann, der von dieſen beiden
wackeren Männern mit ſeiner Enkelin dem Waſſertode
entriſſen wurde. Da ich aber von meinem Retter auf
dem Wege hierher zu vermuthen Anlaß fand, daß er
auch unſerer Partei angehört, ſo nahm ich keinen An-
ſtand Euch zu ſagen, daß man mich früher Friedrich
von Stockheim nannte, und daß ich Oberamtmann
in Germersheim war, jetzt aber ein heimathloſer, flüch-
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