Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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el Ahlkllll.

Mr. 34.

Samſtag, den 3. Oktober 1868.

1. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2kr. Man abonnirt in der Druckerei, Untereſtr.
und bei den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Jm Zuchthauſe.
Erzählung aus der Wirklichkeit von W. Wauer

lebte Antonie wie in einem ſchönen, ſonnigen Traume
dahin, ihre körperliche Schwäche hüllte ihr Jnneres in
jene weiche Widerſtandsloſigkeit, die nichts begehrte,
als ſo fort zu träumen in alle Ewigkeit.
Der Vater Moller aber war in einer ſonderbaren
Lage. Unter ſeinen Augen knupfte ſich ein Band, das
ſelbſt der Tod nicht zu trennen vermochte; denn wenn
daſſelbe gleich von Michael's Seite durchaus nichts von
dem Feuer der Liebe beſaß, ſo war es doch eben ſo
feſt und dauerhaft als jenes. Moller ſah dies, er ſah,
daß dieſen ſich immer feſter ſchürzenden Knoten auf-
löſen zu wollen, Antonie tödten heiße, und dennoch
machte das eben ſo zarte als ruhige, innige und un-
befangene Weſen des jungen Gefangenen es unmöglich,
einen Tadel über ſein Benehmen aufkommen zu laſſen.
Ja noch mehr: der Vater, der ſein Kind ſich dieſem
vor der Geſellſchaft entehrten Manne hinopfern ſa,
hätte dieſen Mann gern vom Grunde ſeines Herzens
aus gehaßt; wenn er aber ſein Herz und ſeine Em-
pfindungen für Michailowitſch prüfte, fand er darin
nur eine herzliche, väterliche Liebe für denſelben. Wo-
hin ſollte Das ſühren? Er wußte es nicht und das
machte ihn oft ſehr unwirſch und verdrießlich. Aber
Michael und Antonie ſchmeichelten jede Wolke von ſei-
ner Stirn hinweg, und wenn Moller, anſtatt der Toch-
ter, die er ſchonen mußte, manchmal gern Michael an-
gefahren hätte, war er gleich wieder beſiegt, wenn das
herzige, bittend-ſchmeichelnde "Väterchen!" von deſſen
Lippen ertönte.

(Fortſetzung.)
Michael, welcher zwar nie einen Augenblick von
von der höchſten Beſcheidenheit verlaſſen wurde, der
aber von ſeiner früheren verzweiflungsvollen Gedrückt-
heit jetzt ganz fcei war und deſſen Antlitz und Beneh-
men wohl eine ruhige, tiefe Trauer, doch kein hoff-
nungsloſes Verzagen mehr zeigte, Michael hatte in der
Zeit, in welcher er bei Antonie ſich aufhielt, mit der
ſanften, eleganten Sicherheit, welche ſeinem Weſen
eigen, die Unterhaltung und Bedienung der Kranken
ganz allein in Anſpruch genommen, ohne daß irgend
Jemand darin etwas Beſonderes hätte finden können.
Es geſchah eben mit ſolcher Feinheit und ſanfter Ent-
ſchiedenheit, mit ſo eleganter Beſcheidenheit, daß, was
er that, ganz ſelbſtverſtändfich erſchien. Was er aber
that, gab ihr das Leben wieder, indem es eine Glück-
ſeligkeit in ihr Herz goß, die den Tod verſcheuchte.
Unerſchöpflich in ihrer Bedienung, im Aufſuchen jeder
Crleichterung, jeder Bequemlichkeit, jeder Annehmlich-
keit für ſie und ihren ſchwachen und kranken Zuſtand,
war er ebenſo unerſchöpflich in den Mitteln zu ihrer
Unterhaltung. Er las vor oder erzählte ihre ruſſiſche
Sagen und Mährchen, auch Scenen aus dem ruſſiſchen
Volksleben, dabei knetete er aus Wachs die niedlichſten
Thiere, von denen ſie bald eine ganze Menagerie hatte;
aus buntem Papier machte er die reizendſten Blumen,
ſchnitte eine Gruppe graziöſer Tänzer oder die Silhouet-
ten ſämmtlicher Familienglieder, machte ihr Zwirn-
wickel, Körbchen und kleine Schlitten zur Aufbewah-
rung von Nähnadeln aus Kartenblättern, zeichnete und
malte die Trachten der verſchiedenen Völker, welche er
geſehen, ſo bei dieſer Gelegenheit einen Schatz von
Talenten entwickelnd, die in einer Perſon vereinigt
faſt unglaublich erfchienen. Dabei htte ſein Beneh-
men durchaus nichts von der befliſſenen Aufmerkſam-
keit eines Liebenden, ſondern zeigte die ruhige aber
innige Zärtlichkeit eines bedeutend älteren Bruders,
die Tändelei mit einem geliebten kranken Kinde. Er
hatte keine Ahnung von ihrer Liebe zu ihm, dadurch
hlieb ſeine Unbefangenheit ungeſtört und ſein unendlich
graziöſes, liebenswürdiges Weſen konnte ſich in ſeiner
ganzen wunderbaren Anmuth entfalten.
Unter dem Einfluſſe eben dieſer wunderbaren An-
muth, die ſie ganz umſtrickte, bezauberte und berauſchte,

Jnzwiſchen war der Herbſt herangekommen. Helene
ſchrieb an Johanna, ſie werde noch vierzehn Tage bei
den Verwandten bleiben und dann zu den Eltern zu-
rückkehren, wolle aber vorher noch einige Tage nach
S.... kommen, um fich an dem Glücke Johanna's zu
erfreuen. Vielleicht ſei es möglich, deren Hochzeit in
dieſe Zeit zu verlegen, damit ſie derſelben beiwohnen
könne. Sie ſelbſt, Helene, ſei kränker, als da ſie ab-
gereiſt, und wünſche nur noch den Tod, um von die-
ſen Qualen endlich erlöſt zu ſein. Es wurde nun be-
ſtimmt, der Couſine Willen zu befolgen und Norrmann's
und Johanna's Hochzeit in den Tagen ihrer Anweſen-
heit bei den Verwandten zu feiern. Das Brautpaar
wünſchte dieſes Feſt ganz in der Stille zu begehen,
und da man es ohnehin für den Oktober feſtgeſetzt
hatte, ſo konnte man es leicht in dieſe Tage verlegen.
Vom Vater Helenens war gleichfalls ein Schreiben
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