Heidelberger Volksblatt — 1.1868

Page: 122
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdvb1868/0126
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
122

"An die Arbeit denn! Hier, dieſe Rechnungen ſind
durchzuſehen und in das Hauptbuch einzutragen."
Erſchreckt ſah ihn Michael an, er ergriff die Feder,
doch ſie entſank ſeiner zitternden Hand; er ſenkte er-
ſchüttert das Haupt.
"Nun, was giebt's?" fragte Normann ſtreng
"Jch bitte um Nachſicht, Herr! Es ſchwimmt mir
vor den Augen; meine Hand zittert.
"Hm! Du kannſt alſo doch nicht immer den knech-
tiſchen Gehorſam üben, in den Du Dich gleichſam ver-
puppen und alle Deine Gefühle einſpinnen möchteſt!"
ſprach Normann höhniſch. Da fiel Michael vor ihm
nieder.

lowitſch durchaus nicht leicht, denn wenn er die deutſche
Sprache auch ziemlich geläufig redete, ſo koſtete es ihn
doch viele Mühe, ſich in derſelben einen flüſſigen und
angenehm darſtellenden Styl anzueignen. Aber auch
dies gelang ihm mit Normanns Hülfe ſehr bald und
nun zeichnete ſich ſein Styl durch eine Feinheit der
Manier, durch elegante Prägnanz, wie durch ſcharf
begrenzte und doch ſtets umfaſſende Ausdrucksweiſe aus.
Seine Darſtellungen waren lebendig, ſeine Anſichten
geiſtvoll. Bald hatte Curt die Freude, in Michael
einen fertigen und vielverheißenden Schriftſteller zu
erblicken, und hochbeglückt förderte er dieſes Talent
des Unglücklichen, der ſich unter der anregenden Be-
ſchäftigung und dem ihm bis dahin ganz unbekannten
Genuſſe geiſtig und körperlich erhob.
So war Michael im Zuchthauſe bereits ein halbes
Jahr vergangen. Außer der Zeit im Schlafſaale er-
innerte ihn faſt nichts daran, daß er ein Sträfling ſei.
Freilich vergaß er ſelber dies nie und wenn ihm auch
keine Zeit blieb, dieſen Gedanken zu einer lebenzer-
ſtörenden Macht werden zu laſſen, ſo hatte derſelbe
doch ſein ganzes Weſen ſo ſehr überſchattet, daß er
gleich einer ſtehenden Sonnenfinſterniß als ein tief
melancholiſcher Ausdruck auf ſeinem ſchönen Antlitz lag.
Man befand ſich im Monat Auguſt, als Vater
Moller eines Tages bei Tiſche den Seinen erzählte:
"Mein Bruder Carl hat geſchrieben. Helenens Ver-
lobung iſt zurückgegangen und ſie befindet ſich in Folge
deſſen in einem geiſtig ſehr beſorglichen Zuſtande. Er
wünſcht daher, daß Du, Antonie, hinüber kommſt und
zu ihrer Erheiterung eine Zeit lang dort bleibſt."
Röthe wechſelte mit Bläſſe auf Antoniens Wangen
ſie vermochte kaum zu ſprechen, als ſie des Vaters
Auge ſtreng und ſcharf auf ſich gerichtet ſah.
"Warum denn ich?" ſtammelte ſie. "Hannchen
könnte der armen Helene viel nützlicher ſein als ich."
"Wenn nun aber der Onkel gerade Dich verlangt?"
fragte der Vater mit einem Tone, der das junge Mäd-
chen noch mehr einſchüchterte. "Du gingſt ſonſt gern
zu den Verwandten, warum jetzt nicht?"
"Nun, ich ſage ja nicht, daß ich es nicht gern thue."
"Gleichviel, Du richteſt Dich ein, morgen um 1Uhr
Mittags von hier abzuſahren. Guſtav kann auch mit,
da er gerade Ferien hat."
Der Knabe freute ſich ungemein, denn er hing ſehr
an ſeinen Vettern in der Reſidenz. Der Onkel Staats-
ſekretär hatte dicht bei der Stadt ein ſehr nettes Land-
gut, wo er ſich mit ſeiner Familie im Sommer auf-
hielt, und ſo erwartete Guſtav die genußreichſten Tage.
Nach Tiſch, als Alle das Zimmer verlaſſen hatten,
warf ſich Antonie in eine Ecke des altmodiſchen Ruhe-
bettes und weinte heftig. Der Vater überraſchte ſie
hier, da er unerwartet zurückkehrte.
"Was iſt das?" fragte er ſtreng. "Schickt es ſich
für ein junges Mädchen, müßig und auf dem Sopha
zu ſitzen?"
Roſch ſich erhebend wollte ſie auf die Gallerie
gehen, um dem Vater ihre Thränen zu verbergen.
"Antonie! Du weinſt? Und warum?" fragte der

"Ach Herr, Herr, aus Erbarmen, nicht dieſen
Ton!" rief er flehend.
"Nun, weiter fehlte nichts! Steh auf! Jch bir
es wirklich herzlich ſatt, für alle meine Bemühungen
um Dein Wohl nichts zu erlangen, als dieſe ſklaviſchen
Redensarten, für das Brod, das ich von Dir begehre,
einen Stein zu erhalten."
Er trat an das Fenſter und blickte mißmuthig auf
die enge, düſtere Straße hinunter. Leiſe nahte ſich ihm
Michael, faßte ſeine Hand und fragte in dem eigen-
thümlichen, ein wenig ſingenden, ſchmeichleriſchen Tone,
wie er den Ruſſen ſo eigen und der aus ſeinem Munde
unwiderſtehlich klang:
Wann werden wir denn das pſychologiſche Werk
beginnen, lieber Herr?"
"Wann Du es wollen wirſt, mein lieber Michael!"
"Ja, ich will es, und werde mir recht Mühe geben,
damit Sie mir nicht mehr zürnen.
"Jch zürne Dir nicht, wenn Du mich nicht erzürnſt
mit Deiner Knechtesdemuth. Sei ein Mann, dann
bin ich Dein Freund."
Und Michailowitſch bemühte ſich wirklich eifrig um
das projektirte Werk; anfangs nur, um dem Willen
Normanns nachzukommen, bald aber empfand er ſelber
ein ſo lebhaftes Jntereſſe dafür, daß die Arbeit ſeine
Gedanken faſt gänzlich in Anſpruch nahm, und mit
Freuden ſah ſein Beſchützer, welch einen wohlthuenden
Einfluß dieſe Beſchäftigung auf den jungen Mann übte.
Er befreite denſelben von einem großen Theil ſeiner
früheren Arbeiten und ließ ihn ſich den ganzen Vor-
mittag mit dem Niederſchreiben der Erzählungen der
Sträflinge beſchäftigen. Alle dieſe Fälle aber waren
beſtimmt, deutlich darzuthun, wie ſehr das weltliche
Geſetz nur nach dem äußeren Anſcheine urtheile, wie
wenig es Rückſicht nehme auf Lagen und Verhältniſſe
und wie es, anſtatt beſſernd und aufbauend, meiſt nur
moraliſch tödtend und zerſtörend wirke. Der Züchtling,
nachdem er ſeine Strafe überſtanden, werde von Jeder-
mann geflohen, ſein früheres Geſchäft ſei zerſtört, Nie-
mand möge ihn in dem ſeinen aufnehmen, und dies
nicht ganz mit Unrecht, denn im Zuchthaus ſei er durch
den Umgang mit Verbrechern verwildert und für jedes
morliſche Gefühl abgeſtumpft, ſo daß er durch Noth
und Rohheit bei erſter vorkommender Gelegenheit von
dem kleinen zu immer größeren Verbrechen übergehe. -
Zwar ward dieſe erſte literariſche Beſchäftigung Michai-
loading ...