Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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rührt, zurück und erwiederte: "Lillge iſt todt - mein
Herr; - aber wer ſind Sie? - ich finde -"
Er ſchien betroffen, ließ die Arme ſinken, ſtrich die
Haare von ſeiner Stirn zurück und ſagte: "Kennſt Du
die Schmarren nicht, die ich von unſerm Mühlenbau
da erhielt? Auch Du willſt mich nicht kennen? - Jch
ſühl' es wohl, wer einmal eingeſargt, der darf nicht
leben!

Der Graben zieht ſich an einem waldbewachſenen
Berge hin; damals - ich will nicht zurück reflectiren
und frühere Tage mit angedichteten Empfindungen ver-
golden - ergriff uns nicht die romantiſche Lage des
Berges, von dem aus die ganze Stadt ſich wie ein Pa-
noram ausbreitet und gewiß einen freundlichen Anblick
bietet, auch nicht das Säuſeln und Rauſchen des Wal-
des, der Eichendorff'ſche ſtille Wieſengrund; er war uns
damals nur deßhalb lieb und werth, weil er uns Holz
zu unſern Mühlen lieferte, die wir mit emſiger Ge-
ſchäftigkeit in unſerm Graben anlegten.
Ein ſtämmiger, robuſter Knabe, mit Namen Lillge,
that ſich darin beſonders hervor, machte die gangbarſten
Mühlen und beanſpruchte daher auch das Recht, die
Obermühle allein zu haben, was oft zu argem Conflict
führte, wenn er uns durch "Schützen" das untere Mahl-
waſſer abzuſchneiden ſuchte. An ihn mußte ich denken
und in die Sehnſucht nach der Kinderzeit miſchte ſich
noch ein anderes Gefühl: die Wehmuth um den feh-
lenden Freund. Wir konnten traulich Hand in Hand
dieſe goldene Träume nicht mehr zurückträumen. Er
war todt.

"Freund! iſt es möglich, Du lebſt?" Jetzt war
es an mir, ihm meine Arme zu öffnen.
"So ſchauderſt Du nicht vor mir zurück, Du al-
ter Getreuer?" ſagte er weich und rührend, und ich
kann meinen Schmerz endlich an einer empfindenden
Bruſt ausweinen!"
"Aber ſage mir nur, wie biſt Du vom Tode
erſtanden?" rief ich aus, nachdem ich mich von meinem
Erſtaunen erholt.
"Alles ſollſt Du wiſſen!" unterbrach mich der
Freund. "Laß uns wieder in's Freie wandern, nur
nicht in die Stadt! Dort fühl' ich mich noch einmal
begraben. Jch bin dem Tode entronnen und nur an
dieſem weißen Haar hat er mich gezeichnet."
"Du weißt," ſo erzählte nun der Freund, "daß ich
von der Schule ſofort in jene Apotheke kam. Jch
lernte und gewann mir das Vertrauen des Prinzi-
pals und, was mich noch unendlich mehr beſeligte, die
Liebe ſeiner Tochter, auf die der Vater mit bewilli-
genden Augen blickte. Was ſoll ich von dieſen Tagen
erzählen? Jch darf nicht an das Glück jener Stun-
den denken, denn es liegt zertrümmert . . . Eines
Abends ſaß ich an der Seite meiner jungen Braut,
wir malten uns ein zauberiſches Stillleben; ſie ſang
mir mit ihrer ſchmelzenden Stimme eines ihrer hüb-
ſchen Lieder zum naheſtehenden Clavier. Da traf es
plötzlich meine Bruſt wie ein vernichtender kalter
Schlag, der ſich in ſtarken Wellen über den übrigen
Körper breitete und ihn völlig lähmte. Die Sprache
verſagte mir, eine Todeserſtarrung folgte. Nur ver-
worren ſind die Bilder, die mir aus dieſem Zuſtande
geblieben. Jch fühlte nur noch die warme, helfen-
wollende Hand meiner Geliebten, die übrige Welt
war mir verſchleiert. Jch hatte nur ein halbes Be-
wußtſein . . . Man hielt mich für todt. Meine
Braut wich nicht von meinem Lager - ich ſah wie
aus weiter Ferne ihr in Thränen gebadetes Antlitz,
fühlte ihren brennenden Kuß, ihre Thränen auf mei-
nen Lippen. Jch hätte aufſchreien mögen, und doc
lag ich in Todesbanden gefeſſelt und mein Wollen
machte die wie mit Blei ausgegoſſenen Adern nich.
flüſſig. Glaube mir, das Leben iſt kein Traum, denn
der Tod, dieſer Schlußſtein deſſelben, iſt rauhe, fürch-
terliche Wirkſamkeit! Es heißt den Tod leben, dies
bewußte Gelähmtſein des Körpers, dies vergebliche
Ringen aus den eiſernen Armen der Erſtarrung. Jch
fühlte, ein einziges Zucken der Lippe löſ'te den Zau-
ber, ließ mich wieder den lichten Tag des Lebens, den
blauenden Himmel in den Augen meiner Geliebten
finden, und doch vermochte ich nichts über meinen
Körper. (Schluß folgt.)

Ein Jugendfreund iſt ein unendlicher Schatz; fin-
den wir ihn nach langem Lebensirren wieder, dann
quillt doppelt friſch und melodiſch die Erinnerung frü-
herer Tage aus dem Herzen. Das Wiederfinden eines
Jugendfreundes iſt ein lieblicher Schluß des Lebens-
märchens; es dünkt uns dann Alles, was da kam, ſo
harmoniſch, ſo ineinanderſchließend, weil wir an einem
Herzen ruhen, das uns das reinſte Verſtändniß unſers
vergangenen Lebens gewähren kann.
Mein Genuß der Erinnerungen hatte eine Lücke durch
das Hinſcheiden des Freundes. Aus der Schule war
er durch unſers Rectors Cmpfehlung, weil er ein offener
Kopf war, zu einem Apotheker in die Lehre gekommen.
Er hatte bereits ausgelernt, da erhielt ich plötzlich die
Nachricht, daß er, wahrſcheinlich am unvorſichtigen Ein-
athmen von Gift, geſtorben. Jch ſah damals die
Mutter wankend-gebrochen zum Begräbniß ihres Sohnes
reiſen, weiter erſuhr ich nichts mehr.
So in Gedanken verſunken, wanderte ich der Stadt
zu. Da kommt mir ein einſamer Waller entgegen.
Jch blickte auf, und waren es die Gedanken an den ge-
ſtorbenen Freund, die mich allzulebhaft beſchäftigt,
oder war es ein Spiel der Natur, ich mußte, von der
Aehnlichkeit des Fremden mit dem Geſtorbenen frappirt,
einen Augenblick ſtehen bleiben. Dieſelben dunkel blitz-
enden Augen, die glatte Stirn und römiſche Naſe, ja
ſelbſt der Gang erinnerte mich an meinen Freund.
Nur das Haar des Fremden hing ſchlicht und ſchnee-
weiß um die Stirn, während ſonſt das braune Geſicht
des Freundes ein glänzend ſchwarzes Haar umrahmte.
Der Fremde blickte ebenfalls auf und lag plötzlich
mit einem Ausruf der Freude mir in den Armen. -
"Rudolf! Rudolf! erkennſt Du mich denn nicht, oder
willſt Du mich nicht erkennen? Jch bin ja Lillge -
Heinrich Lillge!" Jch wich unwilliürlich, von dem
Spotte oder dem Blödſinne des Fremden peinlich be-
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