Heidelberger Volksblatt — 1.1868

Seite: 34
DOI Heft: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdvb1868/0038
Lizenz: Public Domain Mark Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
34

Feſtigkeit erduldete - er klagte über beträchtliche Mat-
tigkeit, der ich durch ein kleines Glas Branntwein ab-
zuhelfen ſuchte.
"Jch fürchte, daß dieſe Verwundung mein Leben
in Gefahr ſetzen wird," ſagte der alte Herr, indem er
mir feſt in's Geſicht blickte.
"Sagte ich Jhnen, daß Sie nicht in bedeutender
Gefahr ſchweben, ſo würde ich Sie hintergehen," er-
widerte ich, indem ich bei mir das Schlimmſte von
dem offenbar ſehr geſchwächten Zuſtande meines Kran-
ken fürchtete.


"Nun denn, Gottes Willen, und nicht der eines
elenden Sünders, wie ich, geſchehe!" murmelte der
Fremde, indem er auf die letzten Worte einen bitteren
Nachdruck legte.
Die Leute, welche meinen Kranken hergebracht
hatten und die zu jener Claſſe von Menſchen zu ge-
hören ſchienen, welche man, ohne eine eigentliche Be-
ſchäftigung, auf den Wagenplätzen in London verſam-
melt ſieht, ergriffen jetzt die Gelegenheit, ſehr bedeu-
tungsvoll zu fragen, ob man ihrer noch länger bedürfe.
Jch bemerkte ſogleich ihre Abſicht und fragte meinen
Kranken, ob es nicht beſſer wäre, ſeine Familie oder
ſeine Freunde von dem Vorfalle zu benachrichtigen,
ehe er dahin gebracht würde.
Nein, es iſt nutzlos; dieſer Schmerz iſt mir und
ihnen glücklicher Weiſe erſpart. Jch habe keine Fa-
milie - keine Freunde," erwiderte der alte Mann in
einem Tone, der mir ins Herz drang und ſelbſt für
einen Augenblick die dabei ſtehenden Leute zu rühren
ſchien.

ſollte. Jch entſchloß mich bald zu Dieſem, bald zu
Jenem; aber jeder Plan wurde auch gleich wieder als
unausführbar verworfen. Wir waren in ſtilles Nach-
denken verſunken und blickten in das Feuer, als wir
plötzlich die Stimmen mehrerer Perſonen hörten, welche
ſich augenſcheinlich unſerm Hauſe näherten.
"Dies iſt das Haus - hier wohnt der nächſte
Doctor. Nehmt Euch mit dem Verwundeten in Acht!"
riefen mehrere Stimmen.
Jch eilte zu der Thür, welche der Pförtner ſchon
geöffnet hatte, und bei dem Lichte einer Laterne er-
blickte ich eine beträchtliche Menge Leute, die einen
von Vieren getragenen Mann umringten. Zwanzig rauhe
Stimmen ſagten mir in demſelben Augenblicke, daß er
von einem Wagen übergefahren wäre.
Als ich die vier Männer in meine Badſtube ge-
führt hatte, legte ich meinen Kranken in einen Lehn-
ſtuhl. Er war ganz mit Schmutz bedeckt und litt,
wie es ſchien, große Schmerzen. Einer von den Leu-
ten, die ihn hereingetragen hatten, erzählte mir, daß
er, als er quer über die Oxfordſtraße habe gehen wol-
len, unter die Räder eines Wagens gekommen wäre,
mit dem man auf unſinnige Weiſe gejagt hätte. Der
Fremde, wie mir der erſte Blick auf ſeine große und
hagere Geſtalt ſagte, war unſtreitig einſt ein ſchöner
Mann geweſen, obgleich ihn jetzt Alter und Kummer
entkräftet hatten, was ſein weißes Haar und die tie-
fen Furchen in ſeinem offenen und verſtändigen Ge-
ſichte zu beweiſen ſchienen. Er litt große Schmerzen,
die, wie er ſagte, vorzüglich von ſeinem linken Beine
ausgingen. Jch bemerkte auch in der That, daß ſich
dieſes Bein in einer unnatürlichen Lage befand, und,
meine Scheere ergreifend, ſchnitt ich die Naht ſeiner
Beinkleider, ſowie auch einen Theil ſeines Strumpfes
auf, wodurch das verletzte Bein entblößt wurde, wel-
ches, wie ich richtig vermuthet, einen bedeutenden Bruch
bekommen hatte, aus dem der zerbrochene Knochen
hervorſtand. Jn demſelben Augenblick hatte ſich der
alte Herr etwas erhoben und ſeine Augen auf das
gebrochene Bein gerichtet.
"Ha! wie ich dachte!" rief er in einem Tone, in
welchem Schmerz, Selbſtbeherrſchung und Ergebung
ſich kund thaten. "Ein Bruch der tibia und ibula. Sie
müſſen wohl Jhre Schiene anlegen?
Bei dieſer Bemerkung, welche, wie ich wußte, nur
ein mit der Arzneikunde betrauter Mann machen konnte,
entfloh die leiſe Hoffnung auf Belohnung, welche ich
genährt hatte, und ſchickte mich an, ſo eifrig ich konnte,
einem Collegen in der Kunſt diejenigen Dienſte zu
leiſten, die die Menſchlichkeit gebot und die dem Ge-
brauche gemäß umſonſt erzeigt wurden. Jn der That
hate ich augenſcheinlich wenig Urſache es zu bedauern,
dieſe Entdeckung gemacht zu haben, denn, nach der
Kleidung des alten Mannes zu ſchließen, konnte man
einſehen, daß er nur eine geringe Belohnung zu geben
im Stande war.
Während dieſer Zeit hatte ich die Wunde gerei-
nigt und die Schienen angelegt - eine ſchmerzhafte
Operation, welche mein Patient mit unerſchütterlicher

"Soll ich dem Herrn eine Kutſche holen?" fragte
Einer." -

"Nein," erwiderte mein Kranker, "das iſt die
ſchlechteſte Art von Fortſchaffung für ein zerbrochenes
Bein. Nehmt einen einſpännigen Gabelwagen und
ſucht für mich, wenn möglich einen Fußſtock zu erhal-
ten und -"
Der alte Mann unterdrückte offenbar, vermöge
einer ſtarken geiſtigen Anſtrengung, den Schmerz, wel-
chen ihm ſein Beinbruch verurſachte; aber die Pein,
die er litt, zeigte ſich nur zu deutlich in den Zuckun-
gen ſeines Geſichts, von welchem nacheinander dicke
Schweißtropfen herabfielen. Jch wurde von dieſem An-
blick gerührt, und ein Gefühl des Mitleids bekam die
Oberhand über meine Selbſtſucht; ich vergaß in der
That in dem Augenblick meine eigene Lage und bot
ihm ein leerſtehendes Bett in meinem Hauſe an.
(Fortſetzung folgt.)

Der letzte Groſchen.

Novellete von A. V.

Thomas Thoſtmann, ſeines Gewerbes ein Schuh-
macher, war ein eigenthümlicher Kauz. Um ſeine Ver-
mögensverhältniſſe war es ſchlecht beſtellt. Wohl konnte
man ihm Fleiß in ſeinem Geſchäfte nachrühmen, aber
loading ...