Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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daß ſolch ein guter Mann jemals etwas Böſes gethan
habe."

(Fortſetzung folgt.)

Der letzte Groſchen.
Novellete von A. V.
(Fortſetzung.)

"Aber hat er keine Verwandte oder Bekannte?"
Das Geſicht der freundlichen Hauswirthin nahm
plötzlich einen ernſten Ausdruck an, und ſie erwie-
derte: "Ach nein; das iſt es gerade, woher die Trau-
rigkeit des alten Herrn zuweilen kommt. Er kann
auf die rührendſte Weiſe ſtundenlang mitten in der
Nacht von ſeiner Frau und ſeinen Kindern ſprechen,
welche längſt todt ſind. Und es dann mit anzuſehen,
wie hart er gegen ſich ſelbſt in ſeiner Lebensweiſe iſt,
während er doch meint, daß für Andere nichts zu gut
ſein könnte, wahrlich, das macht mich ganz ärgerlich;
aber er geht ſeinen eignen Weg und ſagt, Alles ſei
für ihn gut genug.
Es iſt wohl unnöthig, zu ſagen, daß meiner Frau
und mir das Wohlergehen dieſes merkwürdigen und
excentriſchen alten Mannes, welcher auf ſonderbare
Weiſe unſer Hausgenoſſe geworden war, nur zu ſehr
am Herzen lag, als daß wir nicht den kurzen einzel-
nen Zügen aus ſeinem Leben, welche uns Madame
Smith mittheilte, mit vielem Jntereſſe hätte zuhören
ſollen.
1

Er zog die Summe für dieſe Bedürfniſſe ſogleich
von ſeinen Einnahmen ab und gab den Ueberſchuß,
er mochte reichlich oder gering ſein, ſeinem genügſamen
Weibe. Wie die Groſchen fur jene Artikel regelmäßig
von den Einkünften abgezogen wurden, ſo wurden ſie
auch ebenſo gewiſſenhaft verausgabt. Thoſtman bildete
ſich wirklich ein, ohne Bier nicht ausreichende Kraft
zu ſeinem Tagewerke zu beſitzen während ſein armes
Weib es nicht wagte, ihn um das Geld zu einer guten
Taſſe Thee zu bitten. Auch befürchtete der Meiſter ene
Abnahme ſeiner Verſtandeskräfte, wenn er einmal des
Abends, oder nach der Mahlzeit nicht ſeine Pfeife rau-
chen konnte. So ging der ſauer errungene Verdienſt
jede Woche ſeinen alten Weg. Hatten ſich einmal ganze
und halbe Groſchen in außergewöhnlicher Anzahl in
der Taſche des Schuhmachers eingefunden, ſo wurde
auch der Beſuch des Bierhauſes öfterer wiederholt, die
Extrapfeife öfterer geraucht. Als aber ſeiner Wochen-
einnahmen immer wenigere wurden, als er mit Mühe
in ſeinen großen, weiten Taſchen hier und da einen
verſteckten Groſchen oder Dreier hervorſuchte, da hielt
er es endlich für nöthig, ſeinem Appetite wenigſtens
in etwas ein Ziel zu ſtecken. So verſtrichen wiederum
Wochen um Wochen. Das Bier ward getrunken, die
Pfeife geraucht, ſo oft es eben unter den beſtehenden
Verhältniſſe angehen mochte, während die ganze Fa-
milie unter dem Drucke tiefſter Armuth ſchmachtete.
Lieschen aber ward von Tage zu Tage ſchwächer.
Die karge Nahrung, die ſie empfing, trug natürlich
auch nicht dazu bei, ihre geſunkenen Kräfte zu heben
und ihr die Geſundheit wieder zu verleihen.
"Armes Kind," ſagte die Mutter eines Morgens
zu dem bleichen Mädchen, "wie kannſt Du gedeihen,
wenn Du nichts beſſeres zu eſſen bekommſt! Trocknes
Brod, Kartoffeln und dünner Kaffee kann Dein ſchwa-
cher Magen nicht vertragen. O Gott! Hätten wir
nur wenig von dem, was manche Reichen in das Spü-
licht werfen."

Da die gutgeſinnte Hauswirthin ihren Mieths-
mann gern ſehen zu wollen ſchien, ſo führte ich ſie ſo-
gleich in ſein Zimmer. Als ich die Thür öffnete,
merkte ich an ſeinem ſchweren und mühſamen Athmen,
daß er ſchlief, und winkte der Madame Smith, leiſe
zu gehen, während ich das Licht, welches ich in der
Hand hielt, bedeckte, ſo daß die Strahleu deſſelben ſei-
nen Schlummer nicht ſtörten. Auf den eingefallenen
Wangen meines Kranken ruhte, wie ich bemerkte, als
ich mich einen Augenblick über das Bett beugte, eine
Todtenbläſſe, welche mit den wenigen grauen Haaren,
die auf ſein tief gefurchtes Antlitz herabfielen, ihm
ein eigenthümlich ehrwürdiges Anſehen verlieh. Doch
war an einem leichten krampfartigen Zucken der Züge
und dann wann einem halb hörbaren Murmeln bei
dem ſchweren Athem leicht genug zu bemerken, daß der
alte Herr ſich in einem bedeutend ſtarken fieberhaften
Zuſtande befand und daß ſein Schlaf, weit entfernt,
Ruhe zu ſein, nur eine Fortſetzung dauernder Beküm-
merniß war.
Jch fürchtete hauptſächlich die Stärke des Fiebers,
das ſich ſo deutlich an meinem Kranken zeigte, und ich
hate gerade dieſe Bemerkung Madame Smith zuge-
flüſtert, als er einen Seufzer ausſtieß, welchem ein
halb hörbarer Laut folgte, als wenn er im Schlafe
ſpräche. Um ihn nicht zu wecken, hatte ich gerade mei-
ner liebreichen Gefährtin gewinkt, nir aus dem
Zimmer zu folgen, als der Schlummernde mit einer
Stimme, deren hohler und halberſtickter Ton aus dem
Jnnern ſeiner Bruſt hervorzukommen ſchien, rief:
"Gütiger Gott! wann wird mir vergeben werden?"
Es war ſo etwas Feierliches in dieſem Ausrufe,
daß ich tief davon ergriffen wurde, als ich leiſe die
Thür ſchloß.
"So iſt er," ſagte Madame Smith, als ich ſie
hinunterführte. "Wenn man Herrn Benfield zu Zei-
ten reden hört, ſo ſollte man glauben, er ſei ein ſehr
böſer Mann geweſen, da es doch ganz unmöglich iſt,

"Es ruht ein Fluch auf der Armuth!" fiel ihr
Thoſtmann plötzlich mit einer für ihn ungewöhnlichen
Bitterkeit in die Rede, indem er dabei Lieschen mit
weinenden Augen betrachtete, die eben ihr Mittagsmahl
unberührt zurückſchob und über Schmerzen im Magen
klagte. "Ein Fluch ruht auf der Armuth!" wieder-
holte er. "Warum muß gerade mein Kind hungern
und ſchmachten, während die Kinder der Reichen im
Luxus ſchwelgen."
Thoſtmann bewahrte für gewöhnlich nach außen
hin eine vollkommene Ruhe. Er aß jeden Tag ſeine
Kartoffeln oder was ihm ſonſt vorkam, mühete ſich
jeden Tag über ſeiner Arbeit ab und ließ ſich ſelten
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