Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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heeceeeberger olebintt.

Nr. 13.

Mittwoch, den 22. Juli 1868.

1. Jahrg

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnmrt in der Druckerei, Untereſtr. 9
und be den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Das Bekenntniß auf dem Todtenbette
Aus den hinterlaſſenen Papieren eines ehemaligen Wundarztes

(Schlnß)

tung fühlte. Die Kälte, welche ſich in den Geſichts-
zügen meiner früheren Freunde ausſprach, der Hohn
der Boshaften, die ſich durch meine Lage befriedigt
fühlten, raubten mir die Beſinnung und verwandelte,
wie ich glaube, mein ganzes Weſen. Selbſt die lieb-
liche und theure Gefährtin meines Geſchicks vermochte
nicht mehr, mich zu tröſten; ich wurde mürriſch und
hart, verachtete mich ſelbſt und haßte die Menſchen. Jn
dieſer Gemüthsverfaſſung, die bei dem peinigenden
Anblicke, daß meine kleine Praxis immer mehr abnahm
und ich auf dem Wege war, ein Bettler zu werden,
trat mir plötzlich die verhängnißvollſte Verſuchung ent-
gegen. - Als ich nämlich in das Haus des Banquiers
eintrat, um den Betrag einer kleinen Anweiſung
in Empfang zu nehmen, hörte ich zufällig einen Schrei-
ber mit einem Diener des Hauſes über eine große
Summe ſprechen, welche am Morgen mit der Briefpoſt
verſandt werden ſollte. Jch wußte, daß beſtändig Sum-
men in Gold vom Bord nach London geſchickt wurden,
mir war ſelbſt ein oder zwei Mal ihr koloſſaler Por-
tier, jener unglückliche Saunderſon, dem fie vollkommen
trauten, auf einem Wege begegnet, den ich oft machte,
weil ich mir dadurch einen Umweg nach einem Theile
der Stadt erſparte. Der Verſucher gab mir in eben
dieſer Nacht einen furchtbaren Gedanken ein - er
fuhr mir wie ein Blitz durch mein wüſtes Gehirn. Meine
Umſtände waren verzweifelter als bekannt war; ich
mußte täglich fürchten, in Verhaft genommen zu wer-
den. Mein Haus war von allen Mobilien entblößt.
Jch beſaß Nichts, hoffte Nichts von der Welt, - noch
weniger von meinen früheren Freunden. O Stunde
des Schreckens! - Da beſchloß ich die teufliſche That
des Mordes und Raubes. Warum ſoll ich bei Beſchrei-
bung der einzelnen Umſtände verweilen? Jch lauerte
meinem Opfer auf - that den verhängnißen Stoß mit
meinem Meſſer, und ehe er noch den letzten Athemzug
verhauchte, bemächtigte ich mich des Schatzes. Zehn-
tauſend Furien ſchienen ihr Hohngelächter mir ins Ohr
zu gellen, als ich mit dem unter meinem Mantel ver-
borgenen Packet nach Hauſe eilte. Aus ſchurkiſcher
Vorſicht hatte ich, ehe ich den Mord beging, den Man-
tel abgelegt; hernach bedeckte er die biutigen Spuren,
die mich als den Thäter bezeichneten. Mein Gehirn
war zerrüttet. Die Banknsten, welche abzugeben ich
für gefährlich hielt, vergrub ich zuſammen mit ihrem
Umſchlage. Da ich Sie zu meinem Teſtamentsvoll-
ſtrecker einſetze, ſo werden Sie erfahren, wo Alles zu
finden iſt.
Nun erſt, nachdem der Drang in meinem Jnnern

Als ich Meiſter des Schreckens über des alten
Mannes plötzlichen Ausruf geworden war und ihm
- denn ſein Kummer und ſeine Reue hatten in die-
ſem Augenblicke Alles, außer ſeinen Leiden, aus mei-
ner Seele verdrängt - einige, ich weiß nicht mehr
welche Worte des Troſtes zuſprach, trat ich an ſein
Bett und fing ihn in meinen Armen auf, als er, von
der plötzlichen Erſchütterung ſeines Gemüthes über-
mannt, ohnmächtig zurückſank. Jch hielt ihm etwas
flüchtiges Laugenſalz unter die Naſe, worau er lang-
ſam die Augen wieder öffnete, und ich bemühte mich,
ſein Gemüth ein wenig zu beruhigen.
"Nein, ich muß ſprechen - ich fühle es, ich muß,"
rief er in jenem jammernden Tone, den ich ſo oft als
eines von den Zeichen der nahen Auflöſung erkannt
habe. "Sie kennen die Schuld, die mir die Seele um-
ſtrickte, und etwas, einen geringen Theil der Gewiſſens-
biſſe, die mich folterten, und ich hoffe, daß, wenn über-
all menſchliches Leiden auf der Erde in den Augen des
allmächtigen Lenkers unſerer Schickſale eine Sühne ſein
kann, dieſelben beim letzten Gericht mögen berückſich-
tigt werden. Nun hören Sie die Geſchichte des Mor-
des. O, bewahren Sie ſich vor der Verſuchung, laſſen
Sie ſich durch meine unglückliche Geſchichte warnen und
wiſſen ſie, daß jede Lage, ſie ſei, welche ſie wolle, bei
Weitem dem Verluſte der Tugend und der Ehre vor-
zuziehen iſt."
"Jch war jung - war Arzt, wie Sie - meine
Lage der Jhrigen beinahe gleich. Jch hatte, ohne ge-
hörig meine Vermögensumſtände zu berückſichtigen, ein
Mädchen geheirathet, die ich mehr als mein Leben
liebte. Die angeborene Heiterkeit unſers Gemüths
führte uns in die erſten Geſellſchaften der Stadt ein,
wo wir wohnten. Die gewöhnliche Folge, wenn die
Einnahme den Ausgaben nicht gleich kömmt, traf auch
uns; wir waren auf geradem Wege zu unſerm Ruin.
O! hätte ich doch ihr, ſtatt meiner verwünſchten Hof-
fart, Gehör geſchenkt und meine früheren Verbindun-
gen, die außerordentlichen Aufwand nöthig machten,
aufgegeben, Alles wäre gut gegangen. Aber das Schick-
ſal webt ein Gewebe, in welches uns zu verſtricken,
wie ich glaube, unſere Beſtimmung iſt. Jch blieb, blieb,
um die kränkenden Bemerkungen - den Spott -
das Mitleid Derjenigen zu hören, gegen welche ich in
den Tagen meines unbeſonnenen Glückes nur Verach-
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