Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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anzuhören. Da ich bemerkte, daß ſeine letzte Aufre-
gung größtentheils dieſen Zuſtand von Erſchöpfung ver-
urſacht hatte, ſo verordnete ich ihm ſogleich einen Trunk
Opium, welcher bald die Wirkung hatte, meinen Pa-
tienten in einen ruhigen, ungeſtörten Schlummer zu
bringen. Dies veranlaßte mich, in einem Armſtuhl
auf kurze Zeit mich der Ruhe zu überlaſſen. Jch war
bald in einer Art von unruhigem, ängſtlichen Schlafe.
Als ich erwachte, fielen die erſtrn Strahlen des Mor-
genlichtes durch die Fenſtervorhänge und gaben der
großen Flamme der herabgebranuten Kerze auf dem,
Tiſche ein krampfhaftes Anſehen. Jch horchte mühſam,
doch vergeblich auf das Athmen meines Patienten.
Alles war ſtill, bis auf das einförmige Picken der Wand-
uhr.

Das Schlimmſte beſorgend, zog ich eiligſt einen
Theil des Bettvorhangs bei Seite. Zu meinem Schrecken
und Erſtaunen ſah ich meinen Patienten im Bette
knieend; ſeine dürren Hände waren gefaltet, ſein Kopf
zurückgelehnt, indeß ſeine verglaſeten Augen aufwärts
gerichtet ſchienen. Aber es war keine Bewegung in ihm,
kein Puls mehr zu fühlen. Der reue- und ſorgenvolle
Wanderer hatte ſeinen letzten Athem ausgehaucht.

geſtillt war, ergriff ein furchtbares, folterndes Ent
ſetzen über die ſchwarze That mit Todtesſchauern mein
Seele. Mein verbrecheriſches Herz wurde von un
nennbaren Qualen überwältigt. Nächtlich - welch
grauenvolle Nächte! - nächtlich im Träumen trat de
Ermordete blaß und blutend vor mein Bett und hiel
mir mein teufliches Verbrechen yor. Solche Crſchei-
nungen hatten gewöhnlich Anfälle von Wahnſinn zu
Folge, - wenn ich ſie ſo nennen darf; in einem der-
ſelben erfuhr mein ſanftes Weib das entſetzliche Ge-
heimniß. Sie erlag bald ihren Qualen, und in we-
niger als einem Monate deckte das Grab ihr verküm-
mertes, verwelktes Herz.
Obgleich ich täglich in tauſend Schrecken lebte, ſo
iſt doch kein einziges Mal der Verdacht auf mich ge-
fallen. Nie habe ich, wiewohl ich durch die verruchte
That meine Seele der Hülle verpfändete, das Geringſte
von dem geraubten Gelde angerührt. Das Ereigniß,
das mir beinahe den Verſtand raubte, kommt noch.
Saunderſon war kaum vierzehn Tage beerdigt und
mein Weib auf dem Todbette, als die Nachricht zu
mir gelangte, mein Oheim in Oſtindien ſei geſtorben
und habe mir ein bedeutendes Vermögen hinterlaſſen.
O, wie verfluchte ich es in meinem Herzen! - elend,
wie ich war, klagte ich die Vorſehung an, ſie habe mich
zu dem empörendſten Verbrechen verlockt.
Erfreut, daß ich einen Vorwand gefunden, Schott-
land zu verlaſſen, und das gleißende Lächeln niedriger
Schmarotzer verachtend, reiſ'te ich mit meinen beiden
Kindern ab. Der Fluch des Allmächtigen ſchien mich
zu verfolgen; meine Kinder ſtarben wenige Monate
nacheinander, ich blieb allein zurück, ein zweigloſer,
ſchadhafter Stamm in des Lebens Oede. Welche Sprache
könnte meine Qualen und Gewiſſensbiſſe ausdrücken!
Die Zeit, ſtatt ſie zu vermindern, nährte die finſtern,
zermalmenden Gedanken, daß ich ganz eigentlich zum
Gegenſtand des göttlichen Zornes nicht allein in dieſer
Welt, ſondern auch in jener, die ich mehr zu fürchten
hatte, auserſehen ſei. Jch ſuchte das göttliche Miß-
fallen durch Handlungen zu beſänftigen, die, wären ſie
aus andern Händen gefloſſen, für tugenhafte gegolten
haben würden. Aber das Geſchick ſchien beſchloſſen zu
haben, daß mich unaufhörlich der Fluch der Rachegei-
ſter verfolgen ſollte."
"Es geht mit mir zu Ende," fuhr der Unglück-
liche fort, als die plötzliche Aufregung dem Gefühl der
erſchöpften Natur wich, - ich habe den Reſt meines
Vermögens gewiſſen Zwecken beſtimmt, die Sie in die-
ſen Papieren näher angegeben finden werden." Er
zeigte dabei auf ein Packet, das auf dem Tiſche lag.
Seine Stimme war in dem letzten Theile ſeines Be-
kenntniſſes in ein leiſes, kaum vernehmbares Flüſtern
herabgeſunken, das auf einen Zuſtand gänzlicher Er-
ſchöpfung hindeutete. Seine Sinne gaben den Ein-
wirkungen ſeiner Geiſtesverwirrung nach.
Jndem er ſich mit ſeinen dürren und knochigen
Händen die Stirne bedeckte, ſchweifte er eine Zeit lang
von einem Gegenſtande zum andern, der mit demſelben
in gar keiner Verbindung ſtand; es war ſchmerzhaft

Der letzte Groſchen.
Novellete von A. V.
(Schluß.)
Der Blick voll zärtlicher Dankbarkeit, den die Gattin
ihm für dieſe Worte zuwarf, verurſachte ihm ein neues
Vergnügen. Dieſelbe ſetzte ſich gleichfalls nieder und
ergötzte ſich einige Augenblicke im Stillen am Anblicke
ihres kranken Kindes, welches ſich immer noch beſchäf-
tigte, den labenden Saft der Frucht einzuſchlürfen. Als
ſie wieder hinabſtieg, um ſich den Pflichten ihrer Haus-
haltung zu widmen, da fühlte ſich ihr Herz ſo leicht und
froh, wie ſeit langem nicht.
Den ganzen Tag hindurch wurde der Pfeife von
Seiten Meiſter Thoſtmanns mit keinem Worte erwähnt,
denn der Gedanke an die Apfelſine ſtimmte ihn ſo freudig,
wie ein paar Züge aus ſeiner Pfeife es nie gethan
haben würden. Aber dieſer Gedanke hatte bald noch
andere ſegensreiche Folgen.
Thoſtmann überlegte ſich nämlich, noch bevor der
Tag ſich neigte, was Bier und Tabak ihm wohl jährlich
koſteten. Die Summe, die er zum Mindeſten dafür an-
ſetzen mußte, erſchreckte ihn. Für das kleine Haus, in
welchem er wohnte, bezahlte er jährlich zwanzig Thaler
Miethe; dieſes Geld war ihm immer zu hoch vorge-
kommen. Aber Bier und Tabak koſteten ihm jährlich
etwa dreißig Thaler! Er wiederholte die Berechnung
wohl ein Dutzend Mal, in der Hoffnung, ſich beim erſten
Male zum Nachtheil ſeiner Extragenüſſe vercaleulirt zu
haben, aber er kam immer wieder auf dieſelbe Summe
zurück. Nun überlegte er, wie viel Bequemlichkeiten er
ſeiner Familie jährlich für dieſe Summe werde ver-
ſchaffen können, und beſonders, wie dann Lieschen ſo
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